Predigt über Johannes 6,41-51; 18.3.2007, Sonntag Lätare

Gemeinde Holzlar

Prof. Dr. Hermut Löhr, Jena

- es gilt das gesprochene Wort -

 

 (Text Joh 6,41-51)

 

Liebe Gemeinde!

 

Nicht umsonst hat die kirchliche Tradition seit alters dem Autor des vierten Evangeliums den Beinamen „der Theologe“ gegeben. Gemeint war und ist damit nicht, dass das Johannesevangelium bereits die fein unterscheidende philosophische Begriffssprache erreicht hätte, die die Alte Kirche später zur Ausformulierung ihrer christologischen oder trinitätstheologischen Dogmen verwendet hat - eine Sprache, die uns heute so schwer verständlich und so abstrakt vorkommt. Nein, Johannes wurde wohl deshalb als der Theologe unter den vier Evangelisten angesehen, weil er in kaum zu überbietender Weise den Kern der christlichen Botschaft, und damit auch ihren Anstoß und ihre Radikalität zum Ausdruck gebracht hat. Er spitzt die Botschaft zu. Kann man sich beim Verstehen der drei ersten Evangelien vielleicht noch damit behelfen, aus ihnen die mehr oder minder wahrheitsgemäß erzählte Geschichte eines guten Menschen aus Nazareth herauszulesen - in Wahrheit verkennt das auch die Absicht von Matthäus, Markus und Lukas - , im vierten Evangelium tritt uns Jesus als der Offenbarer, ja die Offenbarung Gottes ganz unmissverständlich und unausweichlich entgegen, ein Offenbarer, der im Wesentlichen genau dies sagt: dass er der Offenbarer ist . Ich bin der Weinstock, ich bin der Weg, ich bin die Tür, ich bin die Wahrheit, oder hier in unserem Kapitel: Ich bin das Brot vom Himmel, ich bin das Brot des Lebens, in mir begegnet Gott. Eine volkstümliche Jesus-Erzählung ist das vierte Evangelium wahrlich nicht, und galt es deshalb einmal als das Evangelium der Gebildeten und der Schöngeister  - „im Anfang war die Tat“, übersetzt Dr. Faustus den Beginn -  so heute eher als ein ungeschichtlicher theologischer und schwer verdaulicher theologischer Traktat, ohne Anschaulichkeit und Leben. Oder als Rerpäsentant eines Wahrheitsanspruchs, der im Zeitalter auch der religiösen Globalisierung intellektuell kaum aufrecht zu erhalten zu sein scheint.

 

Nebenbei bemerkt bedeutet übrigens die Tatsache, dass Johannes das „theologischste“ unter den vier Evangelien ist, nicht, dass es von Jesus gar nichts Geschichtliches wüsste. Im Gegenteil, manche seiner Informationen scheinen historisch zuverlässiger zu sein als diejenigen der drei ersten Evangelien, so z.B. der Termin des Karfreitags. Aber wie dem auch sei, das ändert nichts an dem Gesamteindruck, den „Johannes der Theologe“ bei uns hinterlässt.

 

In unserem Predigttext werden wir auf zwei zentrale Anstöße, Provokationen des christlichen Glaubens gestoßen, die, wenn wir nur ehrlich genug mit uns selbst sind, auch für uns noch Anstöße, Schwierigkeiten, ja bisweilen unüberwindliche Hürden sind. Zwei Provokationen und Zuspitzungen, die aber gleichwohl das Zentrum der christlichen Botschaft bilden. Diese Anstöße werden in unserem Text und seinem weiteren Zusammenhang von den Juden formuliert und repräsentiert, die mit Jesus sprechen.

 

Es ist viel darüber gestritten worden, ob das Johannes-Evangelium antisemitisch sei. Es finden sich ja harte und schlimme Worte gegen die Juden, Worte, die man Jesus in den Mund legt, bis hin zu dem, dass die Juden als „Teufelssöhne“ bezeichnet werden. Ich glaube, man versteht solche Äußerungen - Verstehen ist etwas anderes als Nachsprechen - man versteht solche Aussagen nur recht, wenn man sie in dem Zusammenhang versteht, in dem sie stehen: Die Juden im Johannesevangelium stehen vielfach für den Kosmos, die Menschenwelt insgesamt. Die Juden sind das Beispiel des Glaubens, den die Welt hat, oder sagen wir: den die Welt in ihrem Besten haben kann. Wenn man das nicht begreift, wird alles missverständlich. Die Begegnung des offenbaren Gottessohnes mit einem abergläubischen oder polytheistischen Heiden wäre für den Theologen Johannes eine zu einfache Pointe gewesen, eine konstruierte Situation, in der die Wahrheit des Evangeliums, seine Provokation auch, nicht wirklich auf dem Prüfstand stünden. Denn so müssen wir die Reden und Szenen des Johannesevangeliums ja verstehen: Konstruierte Szenen, Versuchsanordnungen, in denen die Botschaft von der Menschwerdung Gottes auf den Prüfstand gestellt wird, beleuchtet und reflektiert wird. Im Kontext seiner Zeit sind es für Johannes nun eben die Juden, in denen die Konfrontation Jesu mit dem bisherigen Glauben, mit seinem Besten, ausprobiert werden kann. Und ganz gewiss weiß der vierte Evangelist dabei sehr genau, dass Jesus von Nazareth selber Jude war.

 

Johannes macht es sich und uns also nicht leicht, und um ihn zu verstehen, müssen wir den ausformulierten und mitgedachten Einwänden der Juden volle Aufmerksamkeit widmen. Es geht nicht darum, hier eine andere Religion lächerlich zu machen - vielmehr ist das Judentum der Glaube des Verfassers und wohl auch vieler seiner Leser -, es geht nicht um christliche Polemik gegen das Judentum, es geht nicht um Antijudaismus oder um rassischen Antisemitismus, es geht darum zu zeigen, was es bedeutet, wenn die Botschaft vom Fleisch gewordenen Gott auf die bisherige Religion und Tradition trifft. Die Juden stehen im Johannesevangelium für das Beste im Kosmos, sie stehen im besten Fall für uns. In diesem Text sind, wenn es hochkommt, wir die Juden.

 

Was sind nun die Einwände der Juden, unsere Einwände gegen die Botschaft, die der johanneische Jesus immer und immer wieder, in immer neuen Bildern wiederholt. Ich erkenne in unserem Text zwei:

Zum einen der Einwand aus der eigenen Glaubens-Tradition. Zum anderen das Argument in Bezug auf die Person Jesu.

Zunächst zum Argument aus der Glaubens-Tradition: Jesus selbst spielt auf das zentrale Argument an, das man gegen seinen Anspruch, Brot des Lebens zu sein, vorbringen könnte: In der Tradition Israels formuliert: Das Brot vom Himmel, das ist das Manna in der Wüste, die wunderbare Speisung für das Wüstenvolk, das nichts zu essen findet in der Ödnis. Das ist die heilvolle, rettende Erfahrung des Gottes beim Exodus, bei der Flucht aus dem Sklavenhaus Ägypten. Das ist die Erfahrung, dass Gott sich als Gott Israels von Ägyptenland her erwiesen hat, die grundlegende und wieder und wieder erinnerte Heilserfahrung Israels mit Gott in seiner Geschichte. Es geht da, so meine ich, nicht um eine platte Gegenüberstellung von Speise für den Leib und geistlicher Speise (was auch immer das genau sein soll). So als ob gesagt werden sollte: Israel hat von Gott her nur Speisung für den Leib erfahren. So kann das zwar verstanden werden, und so ist unser Text tatsächlich immer wieder ausgelegt worden. Aber eine solche Deutung passt nicht zu der Erfahrung Israels mit seinem Gott. Und sie passt auch nicht zu der in unserem Kapitel erzählten Geschichte, die ja zunächst auch eine Geschichte leiblicher Speisung ist. Das kann man nicht trennen, zum Leben im biblischen Sinne gehören Leib und Seele, und beide wollen satt werden. Ferner glaube ich nicht, dass das Manna in der Wüste dem Brot der Eucharistie entgegenstellt werden soll. Zwar folgen nach unserem Text noch Verse, die auf die Eucharistie, das Abendmahl anspielen. aber es geht hier zunächst nicht um Sakramentstheologie. Es scheint vielmehr so, dass der Verweis auf das Manna stellvertretend steht für ein ernsthaftes religiöses Argumentieren, mit der Glaubenstradition. Für die Juden, die mit Jesus sprechen, war das Manna in der Wüste ja so weit vergangen wie für uns die Zeit Jesu und der ersten Christen, das erste Jahrhundert n. Chr. Es gehört ja schon Mut dazu, es verdient Achtung, wenn aus solchem historischen Abstand noch Vertrauen in das Handeln Gottes für die eigene Gegenwart gewonnen wird: „Weil Gott damals geholfen hat, weil er damals himmlische Speise gab, wird er uns wieder helfen in den Nöten unserer Zeit.“ Der Verweis auf die heilsgeschichtliche Tradition also, über Abgründe der Zeit und auch des Unglücks hinweg: die bewunderungswürdige Haltung des Judentums, bis heute. Sie verdient alle theologische Achtung, für manchen ist sie so etwas wie ein Gottesbeweis. Dennoch, der johanneische Jesus schlägt uns diese beste Stütze, das heilsgeschichtliche Argument, aus der Hand. „Krisis“, Entscheidung oder Gericht, heißt das in der Sprache des Johannesevangeliums. Entscheidend ist nicht die Vergangenheit, nicht die Berufung auf Erinnerung und religiöse Tradition, entscheidend ist die Gegenwart, in der gelebt werden muss, das Manna der Wüste macht uns so wenig satt wie Brote und Fische für die 5000 am See Genezareth, satt werden wollen Leib und Seele in der Gegenwart. Heute brauchen wir Brot des Lebens. Darum gibt es Gottesdienst und Predigt, und darum gibt es Diakonie. Der Verweis auf die Heilstatsachen einer geschichtlichen Vergangenheit - auch auf diejenigen des ersten Jahrhunderts nach Christus - kann lebendigen Glauben nicht allein tragen. Glaube ist Erfahrung der Gegenwart Gottes, ist Erwartung und Hoffnung und Sehnen und die Erfahrung, dass sein Wort noch trifft, dass er noch spricht, dass wir heute gehört und getröstet und gestärkt werden. Glauben ist ein Abenteuer, ein tollkühnes Wagnis, das Mut wider den Augenschein, Mut wider die Welt verlangt. „Das ist Gottes Werk, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat“, heißt es deshalb wenige Verse zuvor. Keine geschichtlichen Untersuchungen, keine Einsichten in Religionspsychologie, auch kein Verweis auf den Glauben der Väter oder was auch immer kann dieses Wagnis mildern, kann uns das Risiko abnehmen. Das klingt anspruchsvoll, und ist es sicher auch. Aber es kann vielleicht auch tröstlich sein, denn mit Wagemut können wir sage: Ich glaube das, was ich glaube. Und nicht das, was ich glauben soll. Glaube ist, so sieht es Blaise Pascal, eine Wette, eine Wette auf Leben und Tod. Und so hilft uns, bei aller Wertschätzung für Formen, Traditionen, menschliche Vorbilder, dies alles nur begrenzt. Das Wagnis bleibt, die Verantwortung, aber auch unsere Würde, selbst zu glauben, selbst vor Gott zu stehen. So ist eine auf das Wort bauende Kirche ein tollkühnes Wagnis, nicht letztlich planbar und berechenbar. Sie muss in der Gegenwart sagen, was sie eben sagen muss, auch auf die Gefahr hin, dass sie versagt und sich irrt, oder dass sie sich unbeliebt macht. Das betrifft aber nicht nur die Kirche, die wir, eigentlich unevangelisch, doch immer wieder gerne als Organisation, als Hierarchie oder Apparat denken. Dabei sind Kirche wir - und sonst niemand. Es gibt keine stellvertretende Kirche, keine Glaubensfunktionäre, die uns das Wagnis des Glaubens abnehmen könnten. Und so müssen und dürfen wir es wagen, hier und heute. Das Glauben.

Das kennen wir ja auch aus Zusammenhängen, die uns vielleicht nicht unmittelbar mit Glauben und Religion zusammenzuhängen scheinen: Dass gewettet und gewagt werden muss, unvertretbar.

Wer Kinder aufzieht oder erzieht - als Eltern, Paten, Erzieher, Lehrer - , geht so ein Wagnis mit ganz unbekanntem Ausgang ein. Was aus ihnen wird, was das anrichtet, was wir ihnen mitgeben, was aus der Welt wird, in die hinein sie gehen, kann keiner sagen. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, das Leben als sicher, als planbar und versicherbar, anzusehen, für den muss eine solche Vorstellung etwas Erschreckendes haben.

Freundschaften sind ein Wagnis mit ungewisser Zukunft. Eine echte Freundschaft lässt einen anderen Menschen in unseren innersten Bereich, lässt ihn darin Wohnung nehmen, Ansprüche stellen, Einfluss nehmen, Veränderung bewirken. Ein Freund verändert mich. Wie, kann ich nicht voraussagen. Ein Freund beansprucht mich, vielleicht steht er, wie im Gleichnis, nachts vor der Tür und will im wörtlichen oder übertragenen Sinn Brot. Es ist auch nicht planbar, ob eine Freundschaft andauert, oder ob sie zerbricht, und wann und woran. Wer Schmerz und Enttäuschung vermeiden will, sollte vielleicht lieber keine Freundschaften eingehen.

Wie wir uns verhalten, nicht nur im Privaten, sondern auch im Beruf, das ist ein Wagnis, das ist wie eine Wette: Mit welchem Rezept habe ich Erfolg? Und welchen Erfolg will ich überhaupt? Was sind meine Ziele und Prioritäten, und welche Mittel sind mir dazu recht und billig? Sind die Ellenbogen meine wesentlichen Karrierewerkzeuge oder verzichte ich bewusst auf ihren Einsatz? Wende ich die Werte, die ich im Mund führe, mit denen ich vielleicht erziehe: Offenheit, Ehrlichkeit, Kollegialität, Fairness, Solidarität - auch wirklich an? Oder komme ich mir dabei als der Dumme vor? Wie reagiere ich auf Enttäuschungen, auf die Erfahrung, dass andere Menschen andere Werte - und vielleicht damit auch mehr Erfolg - haben? Bleibe ich mir treu? Oder handele dann doch nach dem Grundsatz: „Wie du mir, so ich dir“? Es ist ein Wagnis, eine Wette, vielleicht auch eine Verrücktheit, den Anderen wie sich selbst zu lieben.

In all’ diesen Belangen wagen wir, werden von der Situation, vom Leben aufgefordert, Stellung zu nehmen. Und wir nehmen zwangsläufig Stellung, auch wenn wir das gerade vermeiden wollen.

Und so ist es auch mit dem Glauben an den Mensch gewordenen Gott.

Denn das ist nun der zweite Einwand der Juden, der zweite Einwand, den wir gegen die Botschaft des Evangeliums machen: Wie ist das mit Jesus? Wer ist das? Woher stammt er? Im Sinne des Johannes-Evangeliums ist es ja ganz richtig, was die Juden da sagen: Jesus ist der Sohn von Josef und Maria, der Sohn des Zimmermanns. Soweit, so gut. Eine historische Tatsache. Wer seinen Glauben, seine Existenz auf sie baut, kommt zum Bild des guten oder radikalen Predigers aus Nazareth, der im ersten Jahrhundert nach Christus Ideen formulierte, die, wenn sie angewendet werden, unser persönliches und gesellschaftliches Miteinander erheblich verändern können. Das wäre nicht wenig. Siehe Mahatma Gandhi, der mit den Prinzipien der Bergpredigt ein Volk zu befreien versuchte. Aber Johannes der Theologe schlägt uns diese Stütze - diese Illusion, das sei Glauben - aus der Hand, und damit ausgerechnet das, was uns vielfach überhaupt mitsprechen lässt: Wir glauben an Jesus Christus. Der Fleisch gewordene Gott geht in dem guten und klugen Menschen aus Nazareth nicht auf. Auch wenn wir das gerne hätten. Auch wenn es pädagogisch bequemer ist. Die Botschaft ist radikaler, nicht um der Radikalität, der Exzentrik, des intellektuellen Kitzels willen, sondern weil für den Theologen Johannes - aber auch für Paulus und all die anderen ersten Zeugen - weil für Johannes daran die Wahrheit des Evangeliums hängt: In Jesus ist Gott da unter uns Menschen, Gott leibhaftig, nicht nur ein paar Ideen, die man als „götttlich“ oder „gottgewollt“ bezeichnen kann.

Das ist schwierig zu glauben und vielleicht kaum zu verstehen, vor allem wohl dann, wenn man ein klares Bild von Gott hat. Aber genau das ist es ja gerade, was das Evangelium, und mit ihm das ganze Neue Testament, will und glaubt, wovon sie alle getrieben waren wie von einem starken Wind: Das festgefügte, das überkommene Bild von Gott zu verändern, Gott neu zu denken und zu sagen, das Neue des Neuen Testaments gegenüber dem Glauben der Welt, gegenüber unserem Glauben: Das Evangelium verändert Gott, und wenn wir es glauben, verändert es unsere Vorstellung von Gott. Gott kann nicht nur theoretisch alles, kann nicht nur theoretisch und möglicherweise Mensch werden, sondern er ist Mensch geworden und hat damit wie kein Gott in der Religionsgeschichte zuvor Ja zum Menschen gesagt. Alle Vorbehalte, die wir gegenüber der Begegnung mit dem anderen Menschen haben könnten, alles Zögern, den Anderen, den Dummen, den Ausländer, den Homosexuellen, ja auch den Verbrecher als Mitbruder anzunehmen, müssten dahin sein. Die Mauer ist eingerissen, so sagt es der Epheserbrief, zwischen Jude und Grieche, zwischen Sklave und Herr, zwischen Mann und Frau. Es gibt keinen Grund mehr, zwischen Menschen Unterschiede zu machen, die einen zu hoffieren, und den anderen ihre Würde vorzuenthalten. Und auch dies ist von Jesus, dem Brot des Lebens, unbedingt zu sagen: Der Mensch gewordene Gott ist vom Tode auferstanden. Das glaubt auch Johannes der Theologe, Die Osterbotschaft verflüchtigt sich bei ihm nicht zur Symbolik des „Immer-wieder-Aufstehens aus Niederlagen“. Das wäre vielleicht einfacher zu glauben und sicher einfacher zu vermitteln und zu vertreten, aber für Johannes, wie für Paulus und Lukas und Markus und all die anderen ersten Zeugen, für Johannes den Theologen wäre das eben nicht die Wahrheit der Offenbarung. Es ist eine radikale, schwer zu verstehende und - seien wir ehrlich - kaum zu glaubende Botschaft, die unser Menschen- ja unser Weltbild verändern will: Leben wir vom Leben zum Tod, oder vom Tod zum Leben? Leben wir vom Frühjahr zum Herbst, oder vom Herbst zum Frühjahr? Leben wir in der Abfolge von Tag und Nacht, oder von Nacht und Tag? Wollen wir - meinetwegen alt und lebenssatt und schmerzfrei - sterben - oder wollen wir leben? Ist der Tod für uns das der Natur innewohnende Prinzip - oder ist er ein Skandal und ein Defekt der Schöpfung? Die Fragen sind nicht einfach zu beantworten, und vermutlich nicht zu allein Zeiten in unserem Leben gleich. Aber für unsere Einstellung zum Leben - zu unserem und zu dem der anderen, hängt alles an ihnen. Ein tollkühnes Wagnis, eine Wette, auf Leben und Tod.

Ich glaube, dass an diesem Punkt intellektuell, rational, kaum mehr zu sagen ist. „Nur wer glaubt, glaubt“, sagt Rudolf Bultmann, ein großer, vielleicht DER theologische Ausleger des Johannes-Evangeliums im 20. Jahrhundert, und er sagt das zu unserem Text. „Nur wer glaubt, glaubt“, das will sagen: Es gibt keine Sicherung des Glaubens, kein Sprungtuch, keine historischen, rationalen, intellektuellen Stützen, keine neutralen Instanzen oder Autoritäten, die uns in diesem Leben Sicherheit über den Ausgang des Wagnisses geben könnten.

„Nur wer glaubt, glaubt“: Es ist vielleicht wie beim Schwimmen im Meer: Über mir die strahlende Sonne, unter mir ein unauslotbares Dunkel. Konzentriere ich mich darauf, was drunten im Dunkel ist, suche ich meine Sicherheit im Gedanken an den Meeresboden, die unterseeischen Felsen, gerate ich leicht in Panik, und ich bin verloren. Blicke ich zur Sonne, lassen ich mich von den Wellen tragen, lasse ich die Zuversicht zu, die aus diesem Tragen erwächst, werde ich heiter und ruhig.

 

                                                                                                       Amen