Apostelgeschichte 1,1-11
Predigt an Himmelfahrt, 15. Mai 1980
in Bonn-Holzlar
von Oswald Becker

Liebe Gemeinde! Die Welt verwandelt sich und mit ihr die Umstände, unter denen der Glaube an Jesus Christus sich zu bewähren hat. Ändert sich damit auch der, an den wir glauben? Das ist nicht erst eine Frage von heute. Es ist ja heute so, daß uns Grundsätze, für die wir gestern noch gefochten haben mögen, heute schon nicht mehr stichhaltig erscheinen, so schnellebig ist unsere Zeit. So kann z.B. eine plötzliche Änderung der Weltlage ins Wanken bringen, was wir eben noch als unsere unumstößliche Meinung verteidigt haben. Oder was uns vor Jahren noch heilig war, kann zur Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpfen, so daß nicht nur jüngere Zeitgenossen uns verständnislos anschauen, wenn wir ihnen damit kommen. Davon sind Glaubensüberzeugungen nicht ausgenommen.

Nocheinmal: Ändert sich damit auch der, an den wir glauben? Ich sagte, das ist nicht erst eine Frage von heute; sondern vor diese Frage sah sich die christliche Gemeinde schon in ihren Anfängen gestellt. Man glaubte mit der Auferstehung Jesu von den Toten das Ende der Zeit angebrochen. Aber die Zeit ging weiter. Die ersten Zeugen der Taten Jesu ruhten bereits im Grabe. Eine zweite oder gar schon dritte Generation von Christen gab es bereits. Das waren Menschen, die nicht mehr durch die Apostel selbst, sondern bereits durch mehrfache Vermittlung des apostolischen Wortes zum Glauben an Jesus Christus gekommen waren. Leute, die kaum noch die Apostel oder den Völkermissionar Paulus aus lebendiger Anschauung kannten. Da ist eine Zeit gekommen, in der man sich auf die mündliche Überlieferung der Botschaft von Christus schon nicht mehr verlassen kann. Eine Zeit, in der es notwendig wird, das, was einst geschehen war, zu Papier zu bringen, damit es auch für die nachfolgenden Generationen erhalten bleibt. Das waren zwar nicht die ersten christlichen Papiere. Einige kreisten schon seit längerer Zeit in den Gemeinden und wurden abgeschrieben, z.B. die einst aus aktuellem Anlaß geschriebenen Briefe des Paulus. Sie stellen die älteste uns erreichbare christliche Literatur dar. Dann aber hat man sich zunehmend auch um die schriftliche Sammlung dessen bemüht, was als Taten und Worte Jesu in den Gemeinden bekannt war und dort weitergesagt wurde. So entstand also das, was wir das Neue Testament nennen, jene einzigartige Schriftensammlung, die zusammen mit der Bibel der Juden, dem sogen. Alten Testament, die Grundlage unserer Verkündigung bildet. Zu dieser Schriftensammlung gehört auch jenes Doppelwerk, das wir als das Evangelium und die Apostelgeschichte des Lukas kennen. Das sind spätere Buchtitel. Der Verfasser selbst spricht in seiner Widmung an Theophilus davon, daß schon andere vor ihm damit begonnen hätten, eine Erzählung oder einen Bericht von dem zu geben, (wörtl.:) was sich da unter uns begeben hat und wie es uns überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind. Nun habe auch er alles der Reihe nach aufgeschrieben, nachdem er von Anfang an allem genau nachgegangen sei, (wörtl.:) damit du erkennst die Zuverlässigkeit der Worte, über die du unterrichtet worden bist.

Wir nun stehen mit unserem Himmelfahrtstext am Beginn des zweiten Teiles jenes unter dem Namen des Lukas überlieferten literarischen Werkes. Gäbe es aber dieses erste Kapitel der sogen. Apostelgeschichte nicht, dann feierten wir in unserer Kirche höchstwahrscheinlich keine Himmelfahrt, und in unserem Glaubensbekenntnis stünde das Sitzen des Christus zur Rechten Gottes direkt hinter dem am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten. Was aber soll nun das Bekenntnis zur Himmelfahrt Jesu Christi, zumal von einer Fahrt nichteinmal in unserem Text die Rede ist. Nun hat, wie wir alle wissen, das Wort Fahrt allerdings einen weit umfassenderen Sinn als den der Fortbewegung auf Rädern oder mit Schiffen oder seit unserem technischen Zeitalter in der Luft und schließlich im Raum, wo wir von Raumfahrt sprechen. Fahrt ist nämlich von jeher mit Abschied verbunden gewesen. Auch einer, der zu Fuß in eine ferne Gegend aufbrach, ging auf Fahrt. Und dabei verabschiedete man sich in aller Regel von denen, bei denen man bisher war. Und um den Abschied Jesu von seinen Jüngern geht es in der Tat an Himmelfahrt. Allerdings um einen einzigartigen Abschied: nicht ein Sterblicher oder gar Sterbender verabschiedet sich hier, sondern der von den Toten Auferstandene, von dem nach dem Abschied die himmlischen Boten, jene beiden weiß gekleideten Männer, sagen: Er wird ebenso wiederkommen, wie er von euch geschieden ist. D.h. er hat sich nicht in einen Geist oder in ein Nichts aufgelöst, sondern wird bleiben als derselbe, der hier auf Erden den Seinen als der von den Toten Auferweckte sich gezeigt hatte. Also: Zeiten werden sich ändern; aber der, an den ihr glaubt, der ändert sich nicht. So wie ihr ihn gesehen habt, so wird er am Ende allen erscheinen, wenn einmal alles vollendet ist.

Das hat für die Kirche eine oft übersehene Konsequenz: Ihr ist es verwehrt, das, was sie als Kirche darstellt, einfach mit der Wirklichkeit Jesu Christi zu identifizieren. Er allerdings hat sich mit uns identifiziert bis zur letzten tödlichen Konsequenz. Er hat all das Schlimme, was wir in dieser Welt anrichten und aus dieser Welt machen, auf sich gezogen, damit wir daran nicht für ewig zugrunde gehen. Er hat uns neu die Möglichkeit gegeben, auf Vollendung hin zu leben mitten in einer Welt, die abbruchreif erscheint. Er hat uns die Hoffnung auf Vollkommenheit als Motor der Hilfe und der Heilung geschenkt, um eben in der Welt als Hoffnungszeichen mitten in Depressionen, Untergangsstimmungen und fanatisierter Zerstörungswut dennoch bestehen zu können. Sicher sind unsere Zeichen anfechtbares Stückwerk, und greifbar ist Vollendung nirgends (auch in einem Kunstwerk nicht; denn dann brauchte ihm kein weiteres zu folgen). Aber Vollendung und Vollkommenheit sollen dennoch Gegenwart haben in der Kraft dessen, der sagte: So werdet ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Aber nun hängt alles daran, daß wir von seiner Selbstidentifizierung mit uns, d.h. davon, daß er uns ohne Vorbehalt, ohne unseren Leistungsnachweis, rein so, wie wir sind, angenommen hat – daß wir davon leben. Aber eben nicht umgekehrt glauben, daß wir in allem, was wir darstellen, ihn darstellen. Auch auf eine vielleicht mystische Weise stellt die Kirche Jesu Christi nie und nimmer Jesus Christus selbst dar. Die Gegenwart des Leibes Jesu Christi im Abendmahl z.B. lebt vom Versprechen seiner Gegenwart. Sie lebt nicht davon, daß wir sozus. den Trick heraus hätten, uns der Gegenwart Jesu zu bemächtigen. Aber auch nicht, sie uns zu erträumen.

Dafür stehen die beiden Männer, die vorwurfsvoll fragen: Was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel fahren sehen.

Christ fuhr gen Himmel – liebe Gemeinde, so anschaulich ist uns das gar nicht erzählt. Es heißt nur, daß er vor den Augen seiner Zuhörer emporgehoben und durch eine verhüllende Wolke ihren Blicken entzogen worden sei. Was uns hier erzählt wird, ist also kein übernatürlicher mirakulöser Vorgang, sondern die Tatsache, daß von einem bestimmten Zeitpunkt an der Auferstandene der von unserer irdischen Menschenwelt weg Erhöhte geworden ist. Dies war wichtig zu sagen, damit das Bekenntnis zu seiner Herrschaft nicht mit unseren menschlichen Zielen und Berechnungen sich vermischte. Aber gerade als der so von uns Entfernte bleibt er der uns ganz und gar Gegenwärtige, der mit seinen vollbrachten Taten, mit seinem uns gestifteten Wort und der Macht seiner Geistesgegenwart unser eigenes Christsein lenkt. Er bleibt der Herr unseres Glaubens. Mit diesem Glauben sind wir hineingestellt in eine Verantwortlichkeit im Horizont der ganzen Welt. Dieser Glaube erlaubt keinen privaten Rückzug. Es ist hier die Rede von den Enden der Erde. Das ist die Erwartung, die alle angeht, die auf unserer Erde leben. Zu dieser Erwartung hat uns Christus befreit. Amen.