Jesu Gang auf dem Wasser

Predigt von Thomas Engels in der Evangelischen Kirchengemeinde Bonn-Holzlar
am 25. Juli 2004, 7. Sonntag nach Trinitatis,
in der Predigtreihe Das Wasser


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

Wasser – ein Element, das lebensnotwendig ist – kennen wir alle. Wir kennen Wasser in den unterschiedlichsten Darreichungsformen und zu unterschiedlichem Zweck. Wir können Wasser in stets gleichbleibender, guter Qualität beziehen.

Als wir uns entschlossen haben, in Hangelar und in Holzlar eine Predigtreihe zum Thema "Wassergeschichten" anzugehen, habe ich mich gefreut, der erste zu sein, der eine Geschichte auslegen dürfte. Wasser – gerade im Sommer, zu Zeiten des Urlaubs – das klingt nach den schönsten Emotionen. Wasser erfrischt die durstige Kehle nach einer Wanderung, mit Wasser können wir uns reinigen, Wasser lässt verdorrende Pflanzen wieder aufblühen. Wasser, besonders das tiefblaue oder das türkisfarbene, Sie kennen es aus der Werbung für die Urlaubsparadiese, wirkt beruhigend, wenn sich die Sonne darin spiegelt und vielfach riecht es auch. Wasser riecht frisch. Es riecht nach Freizeit und nach Freiheit. Frisches Wasser macht gute Laune.

Wie passend kam dann noch dazu, dass in diesem Gottesdienst zum Thema Wasser auch noch Filip und Jan getauft werden sollten. Das Ganze in einer Kirche, deren Sakrament der Taufe untrennbar mit Wasser verbindet. Besser kann sich das doch nicht ergeben.

Dann aber – während der Vorbereitung zur Predigt für diesen Gottesdienst – schaue ich aus dem Fenster. Ich erlebe Wasser plötzlich ganz anders. In diesem Sommer regnet es häufiger als sich die Sonne zeigt. Am vergangenen Freitag Nachmittag gegen 17:00 Uhr geben die Radiosender eine Unwetterwarnung der Meteorologen für die Region Bonn weiter. Unterspülte Gleise bei der Bahn, vollgelaufene Keller, aus dem Boden herausgeschleuderte Kanaldeckel waren die überdeutlichen Zeugen für die unglaubliche Kraft und die Gewalt des Wassers. Viele von uns haben auch noch die Bilder der Flutkatastrophe aus dem August 2002 in Deutschland noch ganz deutlich vor Augen. Unzählige Menschen verloren damals ihr Hab und Gut. Bäche und Flüsse verwandelten sich damals in tosende Fluten, die neben dem Unrat ganze Häuser, Brücken und Straßen mit sich rissen. Das Element, lebensnotwendig und Leben stiftend, zeigt sich oft auch von seiner anderen Seite.

In meinen Gedanken ist das blaue Wasser der Urlaubsträume weggespült worden vom braunen, dreckigen Wasser der Katastrophe. Mir scheint es so, dass sich nur noch die Disteln und das andere Unkraut über die ständige nasse Dusche freuen. Und als ich mir dann auch noch darüber klar werde, dass ich bestimmt nicht allein bin mit meinen wenig positiven Gedanken über das Wasser im Sommer 2004 fällt mir auf, wie nahe ich plötzlich schon am Predigttext bin. Auch in diesem Text zeigt sich das Wasser eher von seiner brutalen Seite.

Liebe Gemeinde, ich lese aus dem Evangelium des Matthäus, Kapitel 14 die Verse 22 bis 33.

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Was wir hier geschildert bekommen, ist alles andere als eine kleine Urlaubsepisode. Es ist keine antike Folge des Traumschiffs und auch kein Bericht einer Bötchentour auf dem See Genezareth.

Jesus schickt seine Jünger voraus mit einem Boot über den See, während er allein auf dem nahegelegenen Berg zu Gott beten will. Das allein ist noch nichts Besonderes. Die Jünger sind zum großen Teil erfahrene Fischer, sie kennen den See, sie kennen das Wasser und sie leben vom Fang aus genau diesem Wasser. Jesus seinerseits sucht für das Gebet, für seine Verbindung zu Gott die Stille. Das tut er gewöhnlich so. Aber – so gewöhnlich geht diese Nacht dann doch nicht zu Ende. Auf dem Berg, auf dem Jesus ohne seine Jünger und ohne das Volk betet, ist es ruhig. Alles andere als still ist es inzwischen auf dem See. Wellen und ein starker Wind, der ihnen entgegenbläst, machen den Jüngern zu schaffen. Trotz ihrer Erfahrung haben sie in dieser Nacht Angst. Sie bangen um ihr Leben. Wir können davon ausgehen, sie haben schon oft schlechtes Wetter erlebt; oft schon ist es ungemütlich gewesen, aber in dieser Nacht ist etwas entscheidend anders.

Das Boot ist in Not und zu der Angst der Jünger vor Wellen und Wind kommt der Schrecken vor dem Gespenst, das sie zu sehen glauben. Zunächst unerkannt und daher als Gespenst vermutet kommt Jesus mitten in der Nacht – die vierte Wache dauert von 3 bis 6 Uhr morgens – über den See gelaufen. Er kommt zu ihnen, er schreitet über das Wasser. Fast schon wie Hohn muss es in den Ohren der verängstigten Freunde geklungen haben, als er ihnen die beruhigenden Worte zuspricht: "Fürchtet euch nicht! Seid getrost, ich bin's."

Und dann – dann brauchen die Jünger Vertrauen. Eigentlich sollte ihnen klar sein, dass es nur Jesus sein kann, der ihnen auf dem Wasser laufend entgegen kommt. Niemand anders hätte diese Möglichkeit. Aber, so wie wir es auch aus anderen Berichten aus den Evangelien wissen, reicht das Vertrauen eben doch noch nicht ganz. Sie suchen Beweise. Dabei tut sich – fast möchte ich sagen "wieder einmal" – Petrus hervor. Gerade noch in Todesangst, gerät der Zweifler jetzt ins andere Extrem. Auf der einen Seite glaubt er wieder einmal nur an das, was er selbst sieht und was er selbst inszeniert. "Herr bist du es, befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser." Auf der anderen Seite hat er ein solches Gottvertrauen, dass er überhaupt keine Gefährdung darin sieht, sich von Jesus zu diesem besonderen Gang auffordern zu lassen. Er tut etwas, das allen persönlichen Erfahrungen zu wider laufen muss. Er begibt sich aufs Wasser des Sees, auf dem Wind und Wellen toben und sogar denen, die im Boot sitzen, das Grauen ins Gesicht treiben.

Was für ein Vertrauen muss dahinter stehen, dass der Jünger solche Gefahren auf sich nimmt. Die Bedeutung dieses Vertauens zeigt sich dann in der Geschichte gleich zweimal. Zum einen vertraut Petrus dem Jesus sein Leben an, weil er glaubt, über das Wasser laufen zu können.

Und dann geht das wahrhaftig auch noch eine Weile gut. Jeder, dem man diese Geschichte erzählt, würde normalerweise sagen: "So ein Quatsch! Niemand kann auf dem Wasser gehen. Egal ob das mit der Oberflächenspannung, mit dem Aggregatzustand, der Temperatur oder mit der chemischen Zusammensetzung des Wassers zusammen hängt, das feuchte Element hat nun mal keine Balken.

Als er dann plötzlich zu versinken droht, weil sich auf das Wasser und nicht mehr auf die Aufgabe Jesu konzentriert, vertraut er wieder. Er vertraut auf die starke, rettende Hand. Er vertraut darauf zu Recht, denn beide Jesus und Petrus besteigen anschließend gemeinsam das Boot. Und – zur großen Überraschung aller – legt sich in diesem Augenblick dann auch noch der Sturm.

Warum – so frage ich mich häufig beim Lesen der Evangelien, wenn es um die Seestürme geht, warum muss immer erst jemand in Gefahr kommen, bevor sich das Blatt zum Guten wendet? Warum besänftigt Jesus nicht schon den heranziehenden Sturm und verwandelt den Gegenwind in ein laues Lüftchen?

Die Antwort auf diese Frage, liebe Gemeinde ist nicht so schwer: Nur wenn eine Angst überwunden wird, nur wenn scheinbar Unmögliches möglich wird, nur wenn Konzentration auf das Wesentliche gefordert ist, die Abkehr von Gewöhnlichem, nur dann können wir erkennen, dass der Erfolg nichts Menschliches ist. Nur wenn wir aus scheinbar aussichtslosen Situationen gut angeleitet herauskommen, nur dann können wir erkennen, dass wir uns nicht selbst – quasi am eigenen Schopfe – überall herausziehen können. Nur dann können wir – wie die Jünger auf dem See Genezareth sagen: "Unsere Hilfe kommt wahrhaftig von Gottes Sohn."

Was will uns die Geschichte aus dem Matthäusevangelium letztlich sagen? Meine Deutung sieht so aus:

Matthäus appelliert an uns: Höre auf Jesu Wort und richte dich danach. Habe Vertrauen zu ihm und lenke deinen Blick nicht auf das, wovor du Angst hast, sondern auf das, was Jesus dir sagt. Nur wenn du weißt, wohin dein Weg geht, kannst du ihn zielstrebig gehen. Auch wenn dir der Wind dabei ins Gesicht bläst, vertraue auf die Zeichen, die Gott dir gibt. Vertraue darauf, dass du mit Gottes Hilfe zu sehr viel Größerem in der Lage bist, als was du dir heute vorstellen kannst. Wenn das Mögliche nicht ausreicht, zum Erfolg zu kommen, so musst du das Unmögliche versuchen. Und wenn du dann doch daran scheiterst, dann darfst du dich an Jesus halten. So wie der Petrus, der im Wasser zu versinken droht, als er sich auf seine Angst konzentriert und nicht auf Jesus Christus. Er wird von Jesus an der Hand geleitet und gerettet. In der Geschichte am See Genezareth im Wortsinn gerettet vor dem Ertrinken, übertragen auf unsere heutige Situation gerettet vor dem Untergang.

Wir dürfen sicher sein: Wer sich Gott anvertraut, der wird nicht in der Flut versinken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.