Israel zieht durchs Meer

Predigt über 2. Mose 14,1-31 am 8.8.2004, 9. Sonntag nach Trinitatis,
in den Evangelischen Kirchengemeinden Bonn-Holzlar und Hangelar
in der Predigtreihe Das Wasser

Pfarrer Rolf Kalhöfer

Liebe Gemeinde,

eine Woche lang, jedes Jahr im Frühjahr, in der Zeit von Ostern, feiern Juden das Passahfest: Sie feiern, dass sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden sind. Die Festwoche beginnt mit dem "Seder"- Abend. An diesem Abend gemäß der Tradition ein Kind die Frage: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Und dann wird die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählt, ja nicht nur erzählt, sondern gefeiert. Dabei geht es nicht nur um den Dank und die Freude über die vergangene Errettung, man erhofft zugleich die gegenwärtige Befreiung aus Unterdrückung und Not. In der Liturgie für das Passah-Fest heißt es: "In jedem Zeitalter ist der Jude verpflichtet, sich so anzusehen, als wäre er selbst aus Ägypten gezogen." Juden erleben die Rettung ihrer Vorfahren als ihre eigene Rettung aus Nöten. Den Todesmächten entronnen, ein neues Leben beginnt.

Wie haben wir uns nun vorzustellen, was damals passiert ist? Und ist der Gott, der die ägyptischen Streitkräfte ins Meer stürzt, auch unser Gott?

Wichtig ist, sich klar zu machen, dass die Erzählung im Nachhinein über ein Ereignis berichtet und dass es ihr gerade nicht darum geht, historisch nachzuzeichnen, was damals passiert ist, sondern Gottes Rettung für Israel herauszustellen. Das kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass unsere Erzählung eine Komposition mehrerer ehemals selbständiger Erzählungen über die Rettung Israels am Roten Meer ist. Mindestens drei ehemals selbständige Erzählungen sind auszumachen: Da heißt es einmal (im jüngsten Erzählstrang): Mose erhebt seinen Stock und "spaltet" das Meer, so dass nun eine Gasse mitten durchs Meer führt. Nachdem die Israeliten hinduruchgezogen sind, folgt die ägyptische Streitmacht. Nun erhebt Mose erneut seinen Stab und als Folge dessen fließt das Wasser zurück und die Ägypter ertrinken.

Im älteren Erzählstrang heißt es: Gott lässt das Meer durch Vermittlung eines starkes Ostwindes weggehen, so dass die Israeliten trockenen Fußes hindurchgehen können. Dann versetzt Gott das Heerlager der Ägypter so in Panik (die Art und Weise wird nicht näher beschrieben), dass die kopflos fliehenden Streitkräfte in ihrer völligen Verwirrung und Verblendung geradewegs ins Meer hineinlaufen und umkommen.

Eine dritte Variante erzählt, dass die ägyptischen Streitwagen, als sie sich auf dem Durchzug durch das Meer befinden, plötzlich umkehren, da das Meer sich wieder zu schließen beginnt, dabei die Räder ihrer Streitwagen auf wunderbare Weise gehemmt und die Ägypter so überflutet werden.

Die drei Erzählstränge wurden zu einem späteren Zeitpunkt kunstvoll in die Geschichte verwoben, die wir heute in der Bibel lesen.

Alle Erzählstränge haben aber eines gemeinsam: Sie erzählen von der Vernichtung einer ägyptischen Streitmacht im "Meer", die für die Israeliten die endgültige Befreiung aus der Sklaverei bedeutet. So werden die ägyptischen Streitkräfte zum Symbol der Todesmächte. Das ist entscheidend: Um deren Vernichtung geht es, nicht um die Tötung der ägyptischen Soldaten. Es geht um die Erfahrung Israels: Den Todesmächten entronnen, ein neues Leben beginnt! Dank sei Gott dafür!

Wenn wir dies mit Israel und mit dem Gott Israels mitfeiern wollen, dann, so meine ich, so, dass wir erzählen, wo wir gerettet worden sind: Da kann einer von einer wunderbaren Heilung einer Krankheit erzählen: Den Todesmächten der Krankheit entronnen, ein neues Leben beginnt. Dank sein Gott dafür!

Da wird ein jahrelang schwelender Streit in der Familie beendet, Schuld wird vergeben: Den Todesmächten der Beziehungslosigkeit entronnen, ein neues Leben beginnt! Dank sei Gott dafür!

Da hat jemand endlich Arbeit gefunden: Den Todesmächten der Nutzlosigkeit  entronnen, ein neues Leben beginnt! Dank sei Gott dafür!

Wir sind getauft oder werden getauft. Mit Wasser, dem lebensbedrohenden und lebensrettenden Elixier. Wir spüren die Kraft, die vom Wasser ausgeht - zum Tode und zum Leben. Wasser bei der Taufe will uns Leben schenken, Leben schenken angesichts der täglichen Bedrohung unseres Lebens. Das Wasser der Taufe ist kein magisches, es schützt nicht vor Unglück. Es ist ein Zeichen: Gott will, dass wir leben, Leben haben in Fülle. Gott schenkt uns die Kraft, uns den Todesmächten in uns und um uns herum zu widersetzen und uns dem Leben zuzuwenden. Amen