Wasser für den Wüstensohn

Predigt über Apostelgeschichte 8,26-40,

gehalten am 15.8.2004 in den Evangelischen Kirchengemeinden Bonn-Holzlar und Hangelar
in der Predigtreihe Das Wasser

von Pfarrer Rolf Kalhöfer


26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.
27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.
28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!
30 Da lief Philippus hin und hörte, daß er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?
31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.
33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen."
34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?
35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.
36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, daß ich mich taufen lasse?
38 Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.
39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.
40 Philippus aber fand sich in Aschdod wieder und zog umher und predigte in allen Städten das Evangelium, bis er nach Cäsarea kam.


"Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist."

Liebe Gemeinde,

Welch seltsame Begegnung muss das gewesen sein zwischen dem mächtigen Äthiopier auf der einen Seite und dem Jünger Philippus auf der anderen Seite.

Philippus gehörte zum Leitungsorgan der griechisch sprechenden christlichen Gemeinde in Jerusalem, ein Presbyter war er, wenn Sie so wollen. Ein Presbyter, der einem inneren Ruf folgt und auf die öde Straße nach Süden geht. Wie deutlich er den Ruf Gottes gehört hat, ob er gezögert hat, ob er sich bis zuletzt unsicher war, wir wissen es nicht. Eine solche Geschichte wie die unsere lässt sich immer nur im Rückblick erzählen, von ihrem Ende her. Erst von der Begegnung und dem, was aus dieser Begegnung entstanden ist, kann Lukas schreiben: "Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach:..."

Ich kann von manch einer Situation im Nachhinein sagen: Da bin ich im richtigen Moment erschienen. Da hat mich der Engel des Herrn gerufen.

Noch ein zweites fällt mir bei Philippus auf: "Philippus tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus." Philippus predigt nicht einfach drauf los, sondern knüpft an die Frage seines Gesprächspartners an. Von dem Jesaja-Wort zieht er die Linie bis zu Jesus Christus.

Das Evangelium predigen heißt also zunächst: zuhören, auf die Fragen des anderen eingehen und nicht Antworten geben auf nie gestellte Fragen. Insofern kann man die Predigt des Evangeliums mit dem Chorgesang vergleichen. Ein Chor singt dann schön, wenn die Chormitglieder aufeinander hören.

Ein zweifaches Hören lehrt uns somit Philippus: das Hören auf die innere Stimme, die ein Ruf Gottes sein kann, und das Hören auf den Menschen, der nach Gott fragt und nach dem Sinn des Lebens sucht.

Die andere Figur in unserer Erzählung ist der Äthiopier, der Kämmerer aus dem Morgenland, wie Luther übersetzt. Er kommt aus dem heutigen Sudan, das zur Zeit leider oder endlich in den Schlagzeilen ist. Er ist Finanzminister am Hof der Kandake, das ist der Titel der meroitischen Königinnen, die zeitweise für ihre Söhne die Herrschaft innehatten.

Was mir an dem Farbigen auffällt: Er hat den Mut, Fragen zu stellen. Er sucht. Und er weiß, dass er bei seiner Suche nach Leben, nach Gott, alleine nicht weiterkommt. Aber er scheint niemanden gefunden zu haben, der ihm bei seiner Suche behilflich ist.

Heute erlebe ich: Verunsicherte Christen sind auf der Suche nach Gott, nach dem Göttlichen, nicht aber in ihrer eigenen Religion, sondern im Buddhismus, in esoterischen Angeboten, vereinzelt auch im Judentum und Islam. Die Antworten der Kirche überzeugen sie nicht, die Gottesdienste sprechen sie nicht an, manche verkrustete Struktur der Amtskirche stößt ab. Andere verlieben sich in einen Menschen, der einer anderen Religion angehört und werden plötzlich mit völlig neuen Sichtweisen und Lebensstilen konfrontiert. Das Unverständnis, das vor 50 Jahren Paare in manchen Familien erfuhren, die einen Partner einer anderen Konfession heiraten wollten, erleben nun vielfach junge Menschen, die eine Freundschaft mit einem Moslem oder einer Muslima eingehen. Die Probleme liegen hier auf einer ganz anderen Ebene, vor allem weil verschiedene Kulturen auf einander treffen, aber wir werden nicht umhin kommen, uns dieser Situation zu stellen, wenn Familien ihre Kinder nicht verlieren wollen. Es ist ein äußerst spannendes Unternehmen, sich auf eine andere Religion einzulassen, aber es verunsichert natürlich auch.

Eine Religion, auch die eigene, lerne ich nur wirklich kennen, wenn ich in ihr lebe. Es gibt nicht den Standpunkt außerhalb der Religion, der sozusagen objektiv den Wahrheitsgehalt einer Religion beurteilen kann. In meinem Jahr in Israel bin ich auch emotional ein wenig ins jüdische Glauben und Denken eingetaucht, aber an einer bestimmten Stelle musste ich mich entscheiden: Ich kann nicht Jude und Christ zugleich sein. Mir wurde klar: Für meinen Gesprächspartner auf der jüdischen Seite bin ich nur dann ein wirkliches Gegenüber, wenn ich meine christliche Erfahrung und Denkweise ins Gespräch einbringe.
Philippus scheut sich nicht, seine Erfahrung mit Jesus Christus an den Kämmerer weiterzugeben. Und ist wahrscheinlich am Ende von der Frage des Farbigen ebenso überrascht wie der Leser: "Was hindert's mich, dass ich mich taufen lasse?"

Kein Bekenntnis wird von ihm verlangt. Es reicht sein Wunsch und vielleicht eine Ahnung davon, dass seine Suche nach Gott weitergeht. Entscheidend ist, er lässt nicht locker, er ist nicht fertig mit seinen Antworten. Es ist interessant, dass einige Jahrzehnte später der folgende Vers in die Bibel eingefügt wurde: "Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist."

In den Augen Späterer musste ein bestimmtes Glaubensbekenntnis hinzutreten, bevor man getauft wurde. Die Spontaneität der ersten Christen war verloren gegangen.

"Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich."

In der Hitze des Orients ins kühle Wasser zu gehen, ist sehr erfrischend. Aber das allein war es wohl nicht, was den Farbigen "seine Straße fröhlich ziehen" ließ. Das Wasser hatte ihn spüren lassen, dass da jemand ist, der ihn begleitet, der nicht immer seinen Lebensdurst stillen kann, der ihn aber immer wieder zu Quellen des Lebens führen wird. In dieser Gewissheit macht sich der Kämmerer auf den Weg in den Sudan. Ob er dort eine christliche Gemeinde gründet, wie es die Tradition behauptet, wissen wir nicht sicher. Aber die Erfahrung, getauft zu sein, berührt worden zu sein vom lebendigen Wasser, die wird er wohl sein Leben lang nicht vergessen.