Predigt über Gen 32,23-33; 1. August 2004, 8. Sonntag nach Trinitatis;
Evangelische Kirchengemeinden Bonn-Holzlar und Hangelar,
in der Predigtreihe Das Wasser
- Pfarrer zur Anstellung Dr.habil. Hermut Löhr -
- Es gilt das gesprochene Wort! -
Liebe Gemeinde!
Den Jabbok einen Fluss zu nennen, ist für unsere Anschauung übertrieben. Der Jabbok, im heutigen Jordanien gelegen und in den Jordan, den Fluss der Taufe Jesu mündend, der Jabbok ist kein Fluss, sondern ein Flüsschen, die meiste Zeit des Jahres über ein kleines Rinnsal, nur in der Regenzeit, im Winter, bisweilen ein reißender Bach, der Schlamm und Geröll mit sich führt. Der Jabbok ist wahrlich keine unüberwindliche Hürde, keine Grenze zwischen Mein und Dein, zwischen Freund und Feind, zwischen Kulturland und Barbarei, kein Strom, der einen ganzen Kontinent bewässert und prägt wie der Rhein oder die Donau oder die Wolga, der Amazonas oder der Mississipi, wie Euphrat und Tigris. Der Jabbok ist ein Flüsschen, ein Bach, der durchaus auch austrocknen kann, dann im Sommer kaum erkennbar, nicht mehr als eine Spur, eine Vertiefung, ein Band hellen Lehms in einer sonst staubigen, grau-braunen versteppten Landschaft.
Der Jabbok ist kein tiefer Einschnitt in der Landschaft, und so taugt er nicht als Symbol für die tiefen Einschnitte unseres Lebens. Dafür haben wir andere Namen: Styx oder Acheron oder Lethe oder Fluss ohne Wiederkehr. Jenseits des Jabbok lauern nicht Tod und Vergessen, jenseits des Jabbok ist nicht die neue Welt oder das Paradies, jenseits des Jabbok geht der Weg einfach weiter. Jakob hat schon seine Familie, sein Hab und Gut, sein Leben hinübergebracht über den kleinen Bach Jabbok, bevor ihm zustößt, was unsere heutige Geschichte vom Wasser erzählt. Jakobs Leben und Zukunft sind schon jenseits des Flusses, dort, wo der Weg weitergeht, auch wenn es ein schwieriger Weg sein wird, ein Weg hin zum betrogenen Bruder. Die Geschichte wird weitergehen jenseits des Jabbok, das ist von vornherein klar.
Jakob bleibt allein zurück, wie man wohl manchmal zurückbleibt, auch wenn man Verantwortung und Familie und Besitz hat, wie man wohl zurückbleibt, wenn man etwas vergessen hat und die Freunde schon einmal vorgehen lässt -- "ich komme nach", sagen wir dann und verschaffen uns damit ein bisschen Zeit zum Alleinsein, Zeit für eine Zigarette vielleicht, Zeit zum Nachdenken, zum Innehalten, zum Ablegen des Gepäcks und zum Durchschnaufen auf der Wanderung. "Ich komme nach", wird Jakob seinen Frauen und Kindern und Knechten und Mägden gesagt haben, als er sie über den Jabbok gebracht und mit ihnen abgesprochen hat, wo man sich wiedertrifft am andern Morgen. "Es ist nichts besonderes, ich komme nach."
Ich stelle mir vor, dass Jakob dann noch einmal zurückgekehrt ist zum Fluss, um innezuhalten, um sein Gepäck abzulegen und durchzuschnaufen, um allein zu sein und nachzudenken. Auch ein Patriarch braucht einmal eine Auszeit, Zeit für sich, auch ein Erzvater hat ein Bedürfnis nach Einkehr und Alleinsein, nach einem Abend am Fluss, bei einem kleinen Holzfeuer vielleicht, das ihn wärmt.
Aber wie das so ist mit Auszeit und Einkehr und Alleinsein am Fluss, man ist vor überraschenden Begegnungen nicht sicher. Wer sich im Nachdenken und Einkehren selbst begegnen will, der kann überraschende Erfahrungen machen, und diese Erfahrungen müssen nicht durchweg melancholisch-süß und angenehm sein. Wer nachdenkt für sich, zu dem spricht fast unweigerlich die Erinnerung, - und man kann sich nicht aussuchen, was sie einem erzählt -- wer nachdenkt und einkehrt, dem begegnen die Schatten und Mächte der Vergangenheit wieder, und sie können plötzlich und überraschend fast vergessen machen, wo das eigene Leben, die eigene Zukunft eigentlich schon sind. Eine kleine Pause, ein kurzes Nachsinnen, das kann einen so verwickeln und verstricken, dass man nicht mehr weiß, wo oben oder unten ist.
So hat auch den Jakob dort am unbedeutenden Flüsschen Jabbok überraschend die eigene Vergangenheit eingeholt, vielleicht gerade in dem Moment, als er über die Zukunft nachdenken wollte, Mut fassen wollte für die Begegnung mit dem betrogenen Bruder. So lange hat er die Geschichte vergessen können in seinem aufregenden und wechselhaften Leben, so lange schien überwunden, was seine Jugend geprägt und vergiftet hatte, und nun, dort am kleinen Bach Jabbok, der vielleicht nur noch ein Rinnsal ist, an diesem kleinen, unbedeutenden Einschnitt in der Landschaft und auf dem Weg, treten die Schatten der Vergangenheit plötzlich wie aus dem Nebel der Nacht hervor, groß und bedrohlich.
Wird man denn seine Vergangenheit und seine Geschichte nie los? Sind von Geburt an die Würfel gefallen -- sei es die Eins, sei es die Sechs? Wenn man einmal der Zweite ist im Leben, bleibt man es immer? Ist man für immer und ewig entweder der Erste oder der Zweite, der Sieger oder der Verlierer? Gewiss, Jakob hat ja aus seiner Zweitgeburt die Erstgeburt gemacht, er hat den ersehnten Segen des Vaters Isaak erhalten, und er hat ja tatsächlich aus seinem Leben etwas gemacht, hatte sich Frauen und Kinder und Besitz erarbeitet- nicht alles, aber doch fast alles, was Ausdruck des Segens des Vaters und des Gottes der Väter ist. Jakob konnte durchaus den Sieger spielen bisher. Aber dennoch spricht die Erinnerung, und sie hat mehr zu erzählen als das, was offensichtlich ist, sie erzählt Überraschendes, auch Unangenehmes. Die Erinnerung ist frei und starrsinnig. So sehr lässt sich überhaupt nicht vergessen oder verdrängen, dass Jakob es selber nicht mehr gewusst hätte, dass es ein erschlichener Segen war, dass er den, dessen Segen und Liebe und großes Ja er wollte, betrogen hatte, und seinen Bruder dazu. Bleiben die Sünden der Jugend ewig auf einem? Muss man ständig unterwegs sein, darf man niemals innehalten und einkehren und zu sich selbst gekommen, ohne dass einen die eigenen Sünden einholen, sich erheben wie lange schwarze Schatten über Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft? Wird denn aus erschlichenem Segen niemals echter Segen, Segen vom Vater und vom Gott der Väter, der einen zur Ruhe kommen lässt, wohin man auch geht? Wird denn aus Furcht niemals Liebe? Mit solchen Fragen kämpft Jakob in jener Nacht am Bächlein Jabbok. Und er wirft diesen seinen Fragen keinen Hinweis auf Lebensleistungen und Erfolge und Ansehen und Ruhm und guten Taten entgegen, all' das nicht, all' das gilt nichts in diesem Kampf, hat keinen Wert, ist der Erwähnung nicht wert, er beruft sich nur auf das eine Recht, die eine Würde, die er in diesem Kampf geltend machen kann, das eine Recht, das wir Menschen haben: Er ist das Kind seines Vaters, er ist das Geschöpf seines Gottes. Was zeugst du mich, wenn du keinen Segen für mich hast? Was schaffst du mich, wenn du mir nicht barmherzig sein willst? Was setzt ihr mich in diese Welt, was fangt ihr eine Geschichte mit mir an, wenn ihr nicht wirklich und wahrhaftig JA zu mir sagt? Bin ich denn nicht mehr als ein feuchter Erdklumpen, aus dem der Töpfer dies oder jenes macht, um es wieder zu zerstören, wenn es ihm nicht gefällt? Bin ich denn nur ein billiges Gefäß aus Ton, gerade gut genug das aufzufangen, was vom Tische der Ersten fällt? Mit solchen Fragen kämpft Jakob in jener Nacht am Bächlein Jabbok, an diesem harmlosen Rinnsal, an dem doch gar nicht geschieden wird zwischen Mein und Dein, Freund und Feind, Kultur und Barbarei, Leben oder Tod. Diese Fragen können auftauchen an einem kleinen Bach, bei einem kleinen Innehalten und Gepäckablegen und Verschnaufen, beim kurzen Einkehren und Nachdenken -- "ich komme gleich nach" - nur ein unbedeutender Einschnitt in der Landschaft und auf dem Weg. Und doch, Jakob kämpft auf Leben und Tod, er kämpft um einen geschenkten, nicht erschlichenen Segen, er kämpft um einen liebenden Vater, er kämpft um einen gnädigen Gott, um Liebe statt Furcht. Der Kampf dauert eine ganze Nacht.
Als Jakob am nächsten Tag zu seiner Familie jenseits des Flusses zurückkehrt, ist er kein Anderer, aber er ist verändert, er ist ein Geschlagener und Gezeichneter. Er trägt die Spuren eines Kampfes, Spuren, die hinzugekommen sind zu den vielen Spuren des Lebens, die er trägt. Er hat in der Nacht, in der er allein sein wollte, in der er zu Ruhe und Einkehr finden wollte, ein bisschen ausspannen, ein bisschen nachdenken am wärmenden Feuer am Fluss, er hat in dieser Nacht, unerwartet und plötzlich und überraschend, auf einer kleinen Rast auf einem langen Wege, er hat in dieser Nacht mit seiner Vergangenheit gekämpft, um einen liebenden Vater, einen gnädigen Gott, um einen Sinn, um einen wirklich geschenkten Segen. Er trägt die Spuren diese Kampfes, er ist ein Geschlagener und Gezeichneter, aber er ist nicht besiegt, im Gegenteil, aus seinen Augen strahlt der Sieg, mag er auch humpeln. Er kehrt zu seiner Familie, zu seinem Hab und Gut zurück, aber nicht, um darin einen sicheren Ruhestand zu suchen, Ruhe und Schutz vor dem Lebenskampf, eine letzte Zuflucht, bevor das Lebenslicht erlöscht, sondern er bricht am Morgen neu auf mit den Seinen, hin zu einer schwierigen Begegnung, er bricht auf zu seinem betrogenen Bruder Esau, er bricht auf mit der schwer errungenen Gewissheit, dass ihn, den ewigen Zweiten, den Segenserschleicher, der Vater liebt, dass der Gott seines Vaters auch ihm, dem ewigen Zweiten und Verlierer barmherzig ist und seinen Segen freimütig schenkt. Jakob der Zweite ist er, der sich den Segen erschlichen und sich durchs Leben getrickst hat, und nicht Esau, der Erste, der mit dem natürlichen Anrecht auf Leben und Segen und Sinn, nein Jakob, der Zweite, der Trickser und Betrüger, der Geschlagene und Gezeichnete -- und dennoch der Gesegnete des Herrn. Tragen wir nicht alle die Zeichen seines Kampfes?
Am kleinen Fluss Jabbok ging Jakob dies auf. Und tatsächlich, an den Jabbok, diesen kleinen Fluss, dieses Rinnsal, diese schmale Spur, diese Vertiefung, dieses Band hellen Lehms in einer sonst staubigen, grau-braunen versteppten Landschaft, an das Wasser des Jabbbok, das in den Jordan mündet, den Fluss der Taufe Jesu, musste Jakob nie wieder zurückkehren.