Predigt am 29.8.2004 (12.So.n.Trinitatis)

in der Predigtreihe Das Wasser

in der Evangelischen Kirchengemeinde Bonn-Holzlar

und in der Christuskirche zu Hangelar

von Pfarrer Hans-Georg Falk

Predigttext: Exodus 1-2 in Auswahl

"Treibgut im Nil"

Liebe Gottesdienstgemeinde!

Im Rahmen der Wassergeschichten, die in durch die Predigtreihe der Sommerferien begleitet haben, habe ich mir heute eine Geschichte aus den ersten beiden Kapiteln des 2. Buches Mose, das man auch das Buch Exodus nennt, ausgesucht.

Es ist ein Trauerspiel in 2 Akten.

Der Tragödie erstes Kapitel:

Im Lande des Nil bahnt sich Furchtbares an.

Demoskopen hatten längst schon vor einer Bevölkerungsexplosion gewarnt. Die sozialen Folgen waren unabsehbar. Denn natürlich waren es nicht die Reichen und Gebildeten, die ein Kind nach dem anderen in die Welt setzten, sondern die Ausländer, die Gastarbeiter, die einst unter dem Erzvater Jakob vor der Hungersnot aus Israel ins benachbarte Ägypten geflohen waren. Solange Jakobs Sohn Josef noch Rang und Einfluss am Hofe des Pharao gehabt hatte -- so lange ging alles gut. Doch Josef war tot. Den Israeliten ging es in Ägypten gut. Sie vermehrten sich und wurden ein großes Volk im fremden Land. Und sie dachten gar nicht an eine Heimkehr ins eigene Land.

Das macht Angst. Das schürt Fremdenfeindlichkeit.

Sie werden "die Fremden" genannt, in ägyptischer Hieroglyphenschrift heißt das ´pr, daraus ergibt sich der Name, mit dem sich die Fremden aus Israel selbst bezeichnen, zu Deutsch: Hebräer. Das sind Fremde, die längst noch nicht die Rechte der alteingesessenen Landesbewohner besitzen.

In solch einer Zeit ruft ein Volk wie damals die Ägypter nach einem starken Mann in der Regierung. Einer muss doch das Problem beherzt lösen! Ägypten hat einen solchen Mann: Ramses II. Er brauchte noch keine Rücksicht auf potentielle Wähler nehmen, er tat einfach, was ihm richtig erschien:

Doch das Kalkül geht nicht auf. Die Unterdrückung schweißt die Fremden nur noch fester zusammen. Und Kinder werden geboren wie eh und je.

Bis zu diesem Moment waren es nur Männer, die gehandelt hatten: Jakob, der Erzvater; Joseph, der Fürsprecher der Israeliten beim Pharao. Der Pharao mit seiner Bevölkerungspolitik; die Fronvögte, die die Unterdrückung der Hebräer umsetzten. Es kann einem grausen, wenn man sich ausmalt, wo die Handlungsweise all dieser Männer hin führt.

Plötzlich kommen Frauen ins Spiel, 2 Hebammen. Und sie werden sogar mit Namen genannt: Schifra und Pua. Sie werden die ersten heimlichen Helden unserer Geschichte:

Respekt!

Wir wissen nicht, was aus diesen beiden mutigen Frauen geworden ist. Aber es sieht fast so aus, als wäre der Pharao ihnen nicht gewachsen gewesen.

Hier endet der Tragödie erster Teil. Es ist die Tragögdie eines menschlichen Irrweges, zugleich aber auch die Heldengeschichte von 2 Frauen, die vor den Männern keinen Respekt haben, die einfach Gottes Willen über alles stellen. Unglaublich, und das im 2. Jahrtausend vor Christus!

Doch nun geht das Trauerspiel in die zweite Runde.

Natürlich: Ein Mann wie der Pharao, einer, der sich Pyramiden bauen und als Gott verehren lässt, so einer lässt sich nicht beirren, der macht keine Fehler und wenn doch, dann kann er sie keinesfalls zugeben. Nicht als Mann und nicht als Regierungschef.

Er schaltet also (und da kenne ich uns Männer gut genug) in den nächsthöheren Gang und macht weiter auf dem eingeschlagenen Weg. Und als ihn irgendwann das Grauen vor seinem eigenen Tun überkommt, macht der Pharao das, was so manch anderer Herrscher vor und nach ihm auch gemacht hat: er macht sein ganzes Volk zu Mittätern. Da gebot der Pharao seinem ganzen Volk und sprach: Alle Söhne, die geboren werden, werft in den Nil, aber alle Töchter laßt leben.

Den Ausgang dieses Trauerspiels erspart der biblische Bericht sich und uns. Wir wissen nur, dass der Pharao nicht ungeschoren davon kam, sondern Jahre später von schrecklichen Plagen heimgesucht wurde, er und sein Volk.

Aber der Bibel ist nicht an Tragödien gelegen, die schreibt das Leben ganz von alleine.

Nein, die Bibel ist begeistert von den kleinen und großen Heldengeschichten, die in den Tragödien aufblitzen wie der Blitz in der Gewitterwolke.

Diese Heldengeschichten handeln von Menschen, die Gottes Willen zum Durchbruch verhelfen, obwohl die äußeren Verhältnisse dagegen sprechen.

Ein solcher Blitz war die Heldentat der beiden Hebammen Schifra und Pua. Ein anderer Blitz ereignet sich ebenfalls am Nil und berichtet vom Einzelschicksal eines kleinen Kindes:

Ein wunderbares Einzelschicksal im Unwetter einer unmenschlichen Politik. Hier, mitten im Leben, da wo jeden Tag aufs Neue um Richtig und Falsch, Gut und Böse, Leben und Tod gerungen werden muss, da findet die Bibel die eigentlichen Helden: Menschen, die sich von Gott bewegen lassen, Menschen, die Mittel und Wege finden, dem Bösen zu trotzen, Menschen, die dem Leben zum Durchbruch verhelfen und sich so in Gottes Dienst stellen.

Eine Mutter hat ein Kind geboren.

Die Machthaber sagen ihr: "Dein Kind darf nicht leben!"

Aber Gott hat dem Kind Leben geschenkt. Gott möchte, dass es lebt!

Die Mutter hört beide Stimmen -- welcher soll sie folgen? Die Mutter schaut noch einmal ihren Sohn an. Wörtlich übersetzt heißt es da: "Und sie sah ihn, ja er war gut!" Kommt Ihnen diese Ausdrucksweise bekannt vor? Die Mutter erinnert sich auch. An den Schöpfungsbericht. Da heißt es mehrfach, wenn Gott seine Schöpfungswerke anschaut: "Und siehe, es war sehr gut"! Und wie die Mutter so ihr Neugeborenes anschaut, da wird ihr bewusst: Da hat Gott ein Schöpfungswerk getan. Mein Kind ist ein Schöpfungswerk Gottes! Da hat kein König oder Pharao drüber zu entscheiden. Dies ist ein gutes Werk Gottes. Und es gehört nur ihm.

Darum übergeben wir unsere Kinder Gott in der Taufe, darum sortieren wir sie nicht nach gesund oder behindert, darum freuen wir uns über jedes neu geborene Kind, denn mit jedem gelungenen Schöpfungsakt schlägt Gott dem Tod ein Schnippchen und wir helfen ihm dabei.

Genau das tut auch jene Mutter damals am Nil. Die teuflischen Mächte des Pharao sollen nicht Oberhand behalten. Die Mutter nimmt einen Kasten aus Schilfrohr und macht ihn mit Harz und Pech wasserdicht. Kein Zufall, dass das hebräische Wort für Kasten dasselbe ist, das auch bei der Arche Noah gebraucht wird: ein Kasten gegen die Chaosmächte. Das heißt: Was hier durch die Hand einer Mutter geschieht, hat den gleichen Rang wie die Errettung der Menschheit in der Sintflut!

Schöpfung und Bewahrung geschehen immer weiter, so lange Kinder geboren werden. Und Mütter und Väter, Großeltern und Paten dürfen dabei mithelfen.

Doch um die Männer geht es in dieser biblischen Geschichte weniger.

Eine weitere Frau greift ein: Mirjam, die Schwester des Mose. Die Mutter konnte es wohl nicht mit ansehen, was aus ihrem Kind werden würde. Sie hat getan, was in ihrer Macht stand, nun überlässt sie es der Fürsorge Gottes.

Nicht so Mirjam. Männer kümmern sich mal wieder nicht drum. Ein cleveres Frauenzimmer, diese Mirjam. Kein Wunder, dass sie später noch solches Ansehen im Volke Israel genießen wird. Sie beobachtet unauffällig, ist irgendwie überzeugt davon, dass Gott eingreifen wird. Und als dann ausgerechnet die Pharaonentochter vorbeikommt, kann das doch kein Zufall sein. Da trägt sie das Herz auf dem rechten Fleck, keck spricht sie die offenbar mitleidige Prinzessin an und schüttelt gleichsam die perfekte Lösung aus dem Ärmel -- wer könnte solchem weiblichen Charme (oder ist's doch eher Berechnung?) widerstehen?

Wie oft hört man Menschen reden: "Wie kann Gott das zulassen? Jetzt müsste er doch eingreifen!" Gott greift viel öfter ein, als wir denken. Allerdings nicht mir himmlischen Heerscharen, sondern durch Situationen, die sich auftun oder durch Engel in Menschengestalt. Man muss sie nur erkennen und ihnen eine Chance geben. Engel brauchen unsere Hilfe!

Die scheinbar zufällig vorbeikommende Pharaonentochter ist, ohne es zu wissen, ein Engel in Menschengestalt. Und Mirjam gibt ihr durch ihr Tun eine Chance, an Mose zum Engel zu werden.

Mirjam ist eine Frau, die weiß, was sie will. Sie ist schlau. Und sie weiß das Recht auf ihrer Seite. Solche Frauen schreiben Weltgeschichte. Und wenn sie nach Gottes Willen handeln, dann schreiben sie auch Heilsgeschichte.

Neben ihr eine andere Frau. Die Pharaonentochter. Auch sie eine starke Frau. Was ihr Vater, der Pharao von der ganzen Sache halten wird, kümmert sie nicht die Bohne. Subversiv ist das, was sie da treibt, offener Widerstand gegen einen Befehl des großen Königs. Es ist unglaublich, wie Töchter manchmal ihren Vätern auf der Nase herumtanzen. Da sind Väter machtlos. Selbst ein Pharao. Klar, dass sie ihrem Vater wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit erzählt hat, sondern höchstens scheibchenweise. Sie weiß genau, wie weit sie bei ihrem Vater gehen kann. So gibt sie den kleinen Mose erst mal zu den Hebräern als Pflegekind und adoptiert ihn erst, als er groß ist, als eigenes Kind.

Mirjam und die Pharaonentochter -- welch verschiedene Frauen. Trotzdem haben sie keine Berührungsängste. Frauen können das.

Wenn zwei Frauen ein kleines Baby vor sich haben, dann kann es nur ein einziges Thema geben: "o wie ist das süß...!" Da gibt's keine Rangunterschiede, keine Klassenunterschiede; wenn's um Babies geht, sind alle Frauen eine einzige verschworene Gemeinschaft. Und unsere Geschichte zeigt, dass das gut so ist, weil es Gott so will und weil es dem Leben dient.

Männer gucken mal kurz hin, wenn da ein Baby ist. Frauen sehen mehr: sie sehen sofort das Wunder vor ihren Augen. Und wo einer richtig hingesehen hat, da kann er nicht mehr wegsehen. Wer ein Baby richtig angesehen hat, der kann nicht mehr wegschauen und es krepieren lassen. Wer Not und Hilfsbedürftigkeit wirklich gesehen hat, der kann nicht mehr gleichgültig sein.

Es sind Begabungen, die der Schöpfer den Frauen mit in die Wiege gelegt hat. Manchmal stören sie die ach so vernünftige Welt von uns Männern und nerven erheblich. Manchmal sind auch wir Männer klug genug, um diese Begabungen unserer Frauen zu erkennen und sie zumindest nicht zu behindern.

Von Amram, dem Vater des Mose, erfahren wir in dieser Geschichte kaum etwas. Vielleicht war es sein größter Verdienst, dass er die Frauen hat machen lassen, was sie nur auf ihre Weise bewerkstelligen konnten.

Und noch ein Gedanke zum Schluss: All die Frauen, die in dieser Geschichte zu Heldinnen werden, weil sie mutig und selbstlos für Gottes Willen eintraten, Schifra und Pua, die beiden Hebammen, Jochebed, die Mutter des Mose und seine Schwester Mirjam, schließlich auch die Pharaonentochter -- sie alle treten nach Erfüllung ihrer Aufgabe wieder ins zweite Glied zurück.

Berühmt wird der, der in dieser Geschichte noch ein Baby ist, Mose. Er wird der Führer seines Volkes, er wir der Vermittler zwischen Gott und Israel, er setzt sich gegen den Pharao und gegen ein murrendes Volk durch. Von den genannten Frauen erfahren wir dagegen wenig bis gar nichts mehr.

Vielleicht ist es gerade das, was uns diese Geschichte sagen möchte:

Gott braucht gerade auch die kleinen Helden, nach denen später einmal keine Straße benannt und über die kein Buch geschrieben wird. Gott braucht Menschen, die genau hinsehen können und nicht zuletzt mit der Stimme des Herzens Gottes Willen erkennen können. Er braucht Menschen, die einfach bereit sind, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Er braucht Menschen, die vor den Großen dieser Welt nicht in Respekt erstarren und nicht zu allem Ja und Amen sagen. Er braucht Menschen wie Dich und mich, die Gott mit ihrem Leben dienen wollen.

Amen.