Epheser 3,14-21
Predigt am 11. Mai 1986
Exaudi (Sonntag nach Himmelfahrt) in Bonn-Holzlar
von Oswald Becker

Liebe Gemeinde! In doppelter Weise sehe ich mich heute als Prediger herausgefordert. Da ist einmal die Stellung dieses Sonntages zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Ich glaube, unser heutiger Episteltext vermehrt durch seine Sprache die mancherlei Schwierigkeiten, die wir mit dem Sinn des hinter uns liegenden Himmelfahrtsfestes nicht weniger haben als mit dem Sinn von Pfingsten, das wir in einer Woche feiern. Die andere Herausforderung liegt in der noch lange nicht ausgestandenen Katastrophe im nur scheinbar so fernen Rußland. Die hat nämlich über Nacht den Gefühlswert eines Wortes verändert: Strahlen. Ein Satz wie: „Der strahlt etwas aus", oder die Redensart von einem „strahlenden Mai" können nicht mehr ohne einen zutiefst beunruhigenden Hintersinn gehört werden. Da helfen keine Beruhigungsappelle interessierter Stellen, und kein Hysterieverdacht sich kompetent gebender Sprecher ändert etwas an dieser Tatsache.

Ich jedenfalls kann heute nicht absehen von der aktuellen Beunruhigung, die sich im veränderten Gefühlswert des ehemals unschuldigen Wortes „Strahlen" niederschlägt. Es steht zwar nicht in unserem Predigttext, und sein Zusammenhang damit mag auf den ersten Blick weit hergeholt, wenn nicht gar abwegig erscheinen. Mich aber erinnert dieser plötzliche Umschlag im Gefühlswert eines Wortes an das, was schon vor viel längerer Zeit mit dem Wort „Vater" passiert sein muß. Dieses Wort steht ja sehr betont am Anfang unseres zwischen Himmelfahrt und Pfingsten hineingegebenen Bibelwortes. Der heute weithin negative Gefühlswert des Wortes „Vater" beschäftigt mich schon lange, und das nicht erst, seit ich als Ehemann und Vater erwachsener Kinder unmittelbar davon betroffen bin.

Was dieses Wort „Vater" angeht, möchte ich unsere Aufmerksamkeit erst einmal auf eine Aussage unseres Glaubensbekenntnisses richten. Da heißt es nach dem Satz von der Auffahrt Jesu in den Himmel: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters." Eine traditionelle christliche Selbstverständlichkeit, über die man sich wohl selten seine eigenen Gedanken macht. Das steht da so, und dann glauben wir's halt.

Aber in diesem Vatersein Gottes geht es um Herrschaft. Das Sitzen des Sohnes zur Rechten ist der Beweis; denn dies ist ein Herrschersymbol. Nun ist Herrschaft bei Gott sicher anders als bei uns Menschen. Sie gründet auf Liebe, und nicht auf Gewalt; das haben wir wahrscheinlich gelernt. Was aber hat Liebe mit einem „allmächtigen Vater" zu tun?

Da fangen meine Schwierigkeiten an, von denen ich weiß, daß sie nicht nur die meinen sind. Der Himmelfahrtstag wird ja auch als „Vatertag", und damit sicherlich nicht in einem guten christlichen Sinn, gefeiert. Wie, wenn dieser Mangel an christlichem Sinn auf einem ehemals christlichen Unsinn beruht? Was sich heute an einem solchen „Vatertag" zeigt, ist eine zweifellos nicht nur Frauen abstoßende Männlichkeit. Und Männer waren bis vor kurzem die geborenen Herrscher. Das erscheint sogar biblisch sanktioniert, wenn wir genau zwei Kapitel weiter in unserer Epistel lesen: „Die Frauen seien untertan ihren Männern." Sie sollen sich unterordnen – diese sprachliche Änderung in der neuen Textrevision gegenüber dem „untertan sein" im alten Luthertext macht die Sache nicht besser.

„Allmächtiger Vater!" Ohne Ironie, liebe Gemeinde – ahnen wir, welch negativer Gefühlswert diesem Ausdruck für Gott anhaften kann? Mit Sprachregelung ist dem nicht beizukommen. Frauen und Töchter sind da eh betroffen. Aber ich denke, sensible Männer auch. Und ob es den Verteidigern männlicher Durchsetzungskraft paßt oder nicht: unter die Sensiblen müssen wir ja wohl auch Jesus rechnen. Und der nimmt nun nach seiner Himmelfahrt die Herrscherstellung „zur Rechten des allmächtigen Vaters" ein! Ist das nicht die Ausgeburt einer schrecklichen Allmachtsphantasie?

Damit komme ich zum Eingang unseres Predigttextes. Sein Verfasser sagt, er gehe vor dem Vater in die Knie. Kniebeugen nicht als Fitness-Training, sondern als Unterwerfungsritus. Muß das nicht ein in seinem Selbstwertgefühl deformierter Mensch sein, der sich dem unterzieht? Oder ist das im religiösen Sinn doch nicht so schlimm, sondern vielmehr heilsam? Liebe Gemeinde, ich meine: Es ist heilsam! – wenn wir es nur recht verstehen. Aber zu diesem rechten Verständnis muß ich wieder einmal einen Anlauf nehmen von scheinbar ganz woanders her.

Wir sprechen heute in einem Anflug von Ironie, wenn nicht gar mit Verachtung vom „Vater Staat". Gegen diese Rede hat der ehemals positive Sinn von Vaterland wohl kaum noch eine Chance. Das Zusammenhalt vermittelnde Gefühl für das Stehen unter einer gemeinsamen väterlichen Verpflichtung jedenfalls ist uns im Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse unserer Zeit längst abhanden gekommen. Und nun ein Blick in den Vers 15 unseres Predigttextes. Luther übersetzt nach der Nennung des Vaters die darauf folgende Erklärung so: Der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden. Das ist schön gesagt – für einen, der für den guten Sinn von Vaterschaft noch empfänglich ist. Aber leider geht diese schöne Übersetzung am Sinn des Urtextes etwas vorbei. Ich will gleich sagen, daß die Gute Nachricht es nicht besser macht. Denn von individuellen Lebewesen spricht der Text gar nicht, sondern von familiären und gesellschaftlichen Gegebenheiten ist die Rede, für die hier im griechischen Urtext ein von dem Wort „Vater" abgeleiteter Begriff steht. In diesem Sinn wird im Alten Testament das hebräische Wort für Familie griechisch mit „Vaterschaft" übersetzt. Diese konkrete „Vaterschaft" als gesellschaftliche Wirklichkeit hat nach Vers 15 ihren Namen, d.h. ihre Bezeichnung von Gottes Vaternamen. Solche – für uns fremd klingend – „Vaterschaft" genannten Familien und Geschlechter hat man sich nicht nur auf unserer Erde, sondern auch im Himmel vorzustellen.

Das ist zunächst, liebe Gemeinde, ein vergangenes Weltbild. Gehört dann aber auch Gottes Vatersein zu diesem Weltbild? Ist es damit abgetan? Mich läßt diese Frage nicht mehr los. Sie gewinnt an Schärfe, wenn man zugibt, daß unser persönliches Verhältnis zu Gott und unsere Einbindung in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse zusammenhängen. Nur eine Operation, bei der beides kaputtgeht, kann das voneinander trennen: unseren Glauben – und unsere im gesellschaftlichen Zusammenhang stehende Verantwortung für unseren Nächsten. Da bekommt dann aber die zunächst nur ironische Rede vom „Vater Staat" auch ihre ganz und gar unheimlichen Seiten. Vom Geld möchte ich in diesem Zusammenhang jetzt nicht reden, sondern von der gewaltsamen Art, in der dieser Vater Staat mit seinen Polizeikräften gelegentlich „durchgreift", wenn seine Bürger von ihrer Mündigkeit Gebrauch machen und gegen sie beunruhigende Vorhaben wie z.B. die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf demonstrieren. Allmacht und Allwissenheit sollen anscheinend immer wieder vorgezeigt werden, wo Protest gegen ein unabsehbares Risiko laut wird. Der aufrechte Bürger wird dann in die Knie gezwungen.

Liebe Gemeinde, ich sehe gegen den ohnmächtigen Zorn, der aus der durch Gaseinsatz sinnfällig gemachten Strahlkraft der Gewaltinhaber wächst, nur ein Mittel, das mein Herz von den eigenen häßlichen Gewaltphantasien befreit: Ich gehe vor meinem guten allmächtigen Vater im Himmel in die Knie und warte darauf, daß er seinen Strahl der Geistesfülle in unsere geistlose Seelenlandschaft sendet. Frommer Wunsch? Ja, frommer Wunsch! Aber was kann die Gemeinde anderes tun als zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft Jesu fromm zu wünschen. Gebe Gott, daß wir dabei die Liebe Christi erkennen. In ihr hat Gott sich selbst als den Vater aller menschlichen Barmherzigkeit und Liebe zu erkennen gegeben; und deshalb geben wir diesem Vater durch Jesus Christus die Ehre – jetzt und in Ewigkeit. Amen.