Predigt für den 22.08.2004, Sonntag Septuagesimae
in der Predigtreihe Das Wasser

Pfarrerin Barbara Falk,
Evangelische Kirchengemeinde Hangelar

Predigttext: Joh 4, 5-26

Rede vom Wasser des Lebens


(Übersetzung Fridolin Stier)

5 Jesus kommt in eine Stadt Samariens, genannte Sychar, nahe dem Landstück, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben.
6 Es war aber dort ein Quelle Jakobs. Abgemüht von der Reise setzte sich Jesus also an der Quelle nieder. Es war um die sechste Stunde.

7 Kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Sagt Jesus zu ihr: Gib mir zu trinken.
8 Seine Jünger waren nämlich zu Stadt gegangen, um Zehr zu kaufen.
9 Sagt also die samaritische Frau zu ihm: Wie kannst du, ein Jude, von mir, einer samaritischen Frau, zu trinken begehren? -- Juden verkehren nämlich nicht mit Samaritern.
10 Jesus hob an und sprach zu ihr: Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken, so hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.
11 Sagt die Frau zu ihm: Herr, du hast keinen Eimer, und der Brunnen ist tief. Woher willst du also das lebendige Wasser haben?
12 Du bist doch nicht größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selber aus ihm getrunken hat, samt seinen Söhnen und seinem Vieh.
13 Jesus hob an und sprach zu ihr: Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird abermals dürsten.
14 Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nicht dürsten -- nicht auf Weltzeit hin. Vielmehr: das Wasser, das ich ihm gebe, wird ihm zur Quelle eines Wassers, das sprudelt zu unendlichem Leben.
15 Sagt die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, daß ich nicht mehr durstig werde und hierher zum Schöpfen kommen muß.

16 Sagt er zu ihr: Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her.
17 Die Frau hob an und sprach zu ihm: Einen Mann habe ich nicht. Sagt Jesus zu ihr: Recht hast du gesprochen: Einen Mann habe ich nicht.
18 Fünf Männer hast du ja gehabt und jetzt hast du einen, der nicht dein Mann ist. Da hast du Wahres gesagt.

19 Sagt die Frau zu ihm: Herr, ich schau, daß du ein Prophet bist.
20 Unsere Väter haben auf diesem Berg sich tief verneigt. Doch ihr sagt, in Jerusalem sei der Ort, wo man sich tief verneigen müsse.
21 Sagt Jesus zu ihr: Glaube mir, Frau: Die Stunde kommt, da ihr euch weder auf diesem Berg noch in Jerusalem vor dem Vater tief verneigen werdet.
22 Ihr verneigt euch tief vor dem, den ihr nicht kennt, wir verneigen uns tief vor dem, den wir kennen. Gewiss: die Rettung kommt aus den Juden.
23 Aber: die Stunde kommt -- und jetzt ist sie da -, wo jene, die sich wahrhaft tief verneigen, sich vor dem Vater im Geist und in der Wahrheit tief verneigen werden. Und solche sucht ja der Vater, daß sie sich tief vor ihm verneigen.
24 Geist ist Gott, und die sich tief verneigen vor ihm -- in Geist und Wahrheit müssen sie sich tief verneigen.
25 Sagt die Frau zu ihm: Ich weiß: Der Gesalbte -- der Messias genannte -- kommt. Wenn er kommt, tut er uns alles kund.
26 Sagt Jesus zu ihr: Ich bin es -- ich, der mit dir redet.


Übersetzung nach dem Buch: der gottesdienst
Band 4: die Lesungen
S. 104 f

5 Jesus kam nun also in ein Dorf in Samaria, das Sychar heißt, in der Nähe von dem Grundstück, dass Jakob seinem Kind Josef gegeben hatte. 6 Dort aber war die Quelle Jakobs. Jesus war nun von der Wanderung müde und setzte sich deshalb an die Quelle. Es war ungefähr zwölf Uhr mittags.
7 Da kommt eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: "Gib mir zu trinken". 8 Seine Jüngerinnen und Jünger waren nämlich weggegangen in das Dorf, um zu Essen einzukaufen.
9 Die Frau aus Samaria nun sagte ihm: "Wie kannst du als Jude von mir zu trinken erbitten, wo ich doch eine samaritanische Frau bin?"
-- Jüdische und samaritanische Menschen haben nämlich keine Gemeinschaft miteinander. --
10 Jesus antwortete und sagte zu ihr: "Wenn du das Geschenk Gottes kennen würdest und wer es ist, der zu dir sagt: 'Gib mir zu trinken' -- dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben."
11 Die Frau sagte ihm: "Rabbi, du hast keinen Schöpfeimer, und der Brunnen ist tief. Woher also hast du das lebendige Wasser? 12 Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab und selbst aus ihm trank und auch seine Kinder und seine Herden?"

13 Jesus antwortete ihr uns sagte:
"Alle, die von diesem Wasser trinken, werden wieder durstig werden. 14 Alle dagegen, die von dem Wasser trinken, das ich ihnen geben werde, werden in Ewigkeit nicht mehr durstig sein, sondern das Wasser, das ich ihnen geben werde, wird in ihnen zu einer Quelle sprudelnden Wassers für das ewige Leben werden."
15 Die Frau sagte zu ihm: "Rabbi, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr durstig werde und nicht mehr zum Schöpfen herkommen muss."
16 Er sagte zu ihr: "Geh, rufe deinen Mann und komm hierher." 17 Die Frau antwortete und sagte ihm: "Ich habe keinen Mann."
Jesus sagte zu ihr: "Du hast ganz richtig gesagt: 'Ich habe keinen Mann.' 18 Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du die Wahrheit gesagt."

19 Die Frau sagte zu ihm: "Rabbi, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Eltern haben auf diesem Berg ihre Gebete verrichtet; ihr aber sagt, dass in Jerusalem gebetet werden muss."
21 Jesus sagt ihr: "Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem Gott anbeten werdet. 22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn die Erlösung kommt durch das Judentum.
23 Aber es kommt die Stunde und ist schon jetzt, wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geisteskraft und Wahrheit anbeten werden. Denn Gott wünscht sich Menschen, die so beten. 24 Gott ist Geisteskraft, und die Gott anbeten, müssen in Geisteskraft und Wahrheit anbeten."
25 Die Frau sagte ihm: "Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus genannt wird. Wenn jener kommt, wird er uns alles verkündigen."
26 Jesus sagte ihr: "Ich bin es, ich, der mit dir redet."


Liebe Gemeinde!

Heiß war es in Samaria, drückend heiß. Wer immer konnte, suchte Schutz im Schatten, im Haus, ließ seine Arbeit ruhen bis in die späteren Nachmittagsstunden. Keiner, der sich auf der staubigen Dorfstraße blicken ließ.

Oder? Knarrenden öffnete sich die windschiefe Tür an dem kleinen Hüttchen ganz am Ende des Dorfes, und eine Frau mit einem Krug trat heraus. Ihre Kleidung war zerschlissen, ihr Gang langsam, schleppend. Dennoch trug sie den Kopf hoch aufgerichtet -- niemand sollte denken, dass sie sich einschüchtern ließe, und wenn noch so gemunkelt wurde im Dorf.

Sie hörte einfach nicht mehr hin. Sie mied die Gemeinschaft mit den anderen Bewohnern im Dorf. Lieber ging sie in der heißen Mittagzeit zum Brunnen, als dass sie sich den verächtlichen Blicken und gezischten Bemerkungen der anderen ausgesetzt hätte. Mittags hatte sie wenigstens ihre Ruhe. Niemand begegnete ihr, niemand warf ihr einen schrägen Blick zu, ganz alleine konnte sie am Brunnen stehen, der ihr so viel bedeutete.

Der Jakobsbrunnen. Ein heiliger Ort. Der Urvater des Volkes Israel, Jakob, hatte an dieser Stelle einen Brunnen gegraben und sein Vieh getränkt und seine Familie mit Wasser versorgt. Seither sprudelte die Quelle, ohne einmal zu versiegen. Egal, welche Besatzermächte gerade sich im Land breit machten: dieser Brunnen war ihr Heiligtum, nicht nur ein Ort zum Wasserschöpfen, sondern ein Ort, an dem sie sich Gott nahe fühlen konnte. Der Gott der Vorväter und Mütter des Volkes -- ob er sie wohl sah?

Plötzlich schaute sie auf. Eine Gruppe von Männern und Frauen kam ihr entgegen, staubig, erhitzt, müde. Fremde. Dem Dialekt nach, den sie sprachen, ganz ohne Zweifel Männer und Frauen aus Galiläa. Juden also, im Land der Samariter. Menschen, die sich für etwas besseres hielten, die ihre Art zu glauben für wertvoller hielten als die der Samariter. Obwohl sie doch genauso Jakob zum Stammvater hatten wie sie selbst...

Sie hielt den Krug fester und schritt erhobenen Hauptes an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Was sie wohl im Dorfe wollten? Wegzehrung kaufen? Wahrscheinlich. So wie die aussehen, waren sie zu Fuß unterwegs, und bis nach Galiläa war es noch ein weiter Weg. Vermutlich waren sie in Jerusalem gewesen, beim Tempel, dem Heiligtum, das die Juden in ihrem Hochmut für die einzige Stätte hielten, an dem Gott verehrt werden durfte. Lächerlich!!!

Sie setzte ihren Weg fort, atmete durch, denn unwillkürlich war sie schneller geworden und ein wenig außer Atem geraten. Warum eigentlich? Sie war doch hier zu Hause, die anderen waren die Fremden. Sie brauchte sich nicht hetzen zu lassen. Sie war auf dem Weg zum Jakobsbrunnen, dem Ort, wo sie mit Gott Zwiesprache halten konnte, ohne jede Störung von außen.

Doch dann entdeckte sie jene Gestalt dort am Brunnen. Sie biss sich auf die Lippen. Wer machte sich dort breit, an ihrem Brunnen? Zu dieser Tageszeit gehörte er ihr und ihr allein! Und doch war da dieser Fremde -- vermutlich gehörte er zu jener Gruppe, die ihr eben begegnet war.

Sie straffte die Schultern. Dann war es heute eben nicht so wie an den anderen Tagen, aber vertreiben ließ sie sich nicht. Sie würde ihr Wasser holen, wie jeden Tag, und sich nicht von diesem Fremden stören lassen. Am Besten, sie tat einfach so, als wäre er nicht da.

Das abdeckende Brett auf Seite geschoben, das Seil an den Krug gebunden, jetzt --

"Gib mir zu trinken."

Sie fuhr herum. Sie hatte nicht erwartet, dass er sie ansprechen würde. Schließlich war er ein jüdischer Mann, und sie eine samaritanische Frau. Es war völlig unmöglich, was dieser Mensch da machte. Und doch schaute er sie eindringlich an. Die Worte hingen noch in der Luft, schufen eine Verbindung zwischen ihr und ihm, eine Beziehung, die nicht ging, die völlig unmöglich war. Wußte er das nicht, hatte er kein Gefühl dafür, wie völlig unmöglich er sich benahm?

"Wie kannst du als Jude von mir zu trinken erbitten, wo ich doch eine samaritanische Frau bin?" hielt sie ihm entgegen. Er ließ nicht den Blick von ihr. Wie ein Bittsteller sah er eigentlich nicht aus, eher wie jemand, der sein Gegenüber eindringlich mustert, um sich ein Bild von ihr zu machen.

Und jetzt sagte dieser Mensch auch noch zu ihr: "Wenn du das Geschenk Gottes kennen würdest und wer es ist, der zu dir sagt: 'Gib mir zu trinken' -- dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben."

Lächerlich. Wollte dieser Typ ihr etwas vorzaubern? Wie wollte er ihr denn was zu trinken geben, so ganz ohne Eimer und andere Hilfsmittel? Und -- Geschenk Gottes, du liebe Zeit, was bildete der sich eigentlich ein? Wenn dies ein Versuch sein sollte, ihr einen Bären aufzubinden, dann musste sie ihn aber ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Höflich, aber bestimmt.

"Rabbi, du hast keinen Schöpfeimer, und der Brunnen ist tief. Woher also hast du das lebendige Wasser? 12 Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab und selbst aus ihm trank und auch seine Kinder und seine Herden?"

Diesen kleinen Seitenhieb konnte sie sich nicht verkneifen. Sollte er doch seine Überheblichkeit mal selber zu schmecken bekommen, vielleicht würde er dann in Zukunft etwas vorsichtiger sein mit seinen windigen Versprechungen. Größer als der Stammvater Jakob, ha, jetzt würde sie sehen, wie weit er seine Aufschneiderei noch treiben wollte.

Doch dieser Galiläer ließ sich von ihrem Spott keineswegs beeindrucken. Er setzte noch einen drauf.

"Alle, die von diesem Wasser trinken, werden wieder durstig werden. Alle dagegen, die von dem Wasser trinken, das ich ihnen geben werde, werden in Ewigkeit nicht mehr durstig sein, sondern das Wasser, das ich ihnen geben werde, wird in ihnen zu einer Quelle sprudelnden Wassers für das ewige Leben werden."

Unsicher sah sie ihn an. Es klang gerade zu unglaublich, was dieser Mensch da von sich behauptete. Aber irgend etwas war da an ihm, an seiner Art zu reden, oder auch in seinem Blick, mit dem er sie ansah -- weder herablassend noch tändelnd, als sei er auf ein Abenteuer aus, nein, sehr ernsthaft und doch zugleich voll Wärme und Verständnis -- wenn das wahr wäre, was er da von sich sagte, wenn auch nur ein Fünkchen davon zu glauben wäre -- ihr wäre sehr geholfen.

Nie mehr Durst leiden müssen. Nie mehr diesen Weg zum Brunnen gehen müssen, in der Mittagshitze, um dann den schweren Krug nachhause zu schleppen. Ein Krug, der für immer Wasser gibt, ohne Ende, ohne dass sie ihn einmal nachfüllen musste. Es klang wie ein Märchen -- aber hatte nicht auch Elia einer armen Witwe mal ein Ölkrüglein gegeben, dass niemals leer wurde?

Sie war skeptisch, doch zugleich voller Sehnsucht. Was hatte sie eigentlich zu verlieren? So sagte sie: "Rabbi, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr durstig werde und nicht mehr zum Schöpfen herkommen muss."

Sein Blick wurde stählern, hielt sie fest, seine Worte drangen in sie ein wie Pfeile. "Geh, rufe deinen Mann und komm hierher."

Das alte Leid. Immer wieder riss jemand mit einer unbedachten Bemerkung diese Wunde auf, und sie schmerzte und schmerzte ohne Ende. Statt reich sprudelnder Wasserquelle dieser Schmerz ohne Ende, wieder und wieder wach gerufen. Sie wollte nicht mehr. Es war vorbei. Außerdem ging ihn das doch gar nichts an.

Voller Abwehr erklärte sie: "Ich habe keinen Mann."

Erst sah er sie nur an. Mit einem Blick, der durch sie hindurch zu dringen schien, aber er war nicht abwertend. Keine Spur von Verachtung oder Kritik auch in seinen Worten, als er entgegnete:

"Du hast ganz richtig gesagt: 'Ich habe keinen Mann.' Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du die Wahrheit gesagt."

Sie erschrak. Am Liebsten hätte sie sich versteckt. Wie konnte jemand Wildfremdes so viel von ihr wissen? Das hatte er nicht aus sich selbst, das war ein Wissen aus einer Quelle, die übernatürlichen Ursprungs war. Es war ein Prophet, der vor ihr stand, ein Mensch, der von Gott her Dinge wußte, die kein anderer kannte. Ihr war zugleich heiß und kalt geworden.

Er schaute sie an, und sie versuchte, seine Gedanken zu erraten: mehrfach verheiratet, verwitwet, geschieden, jetzt in wilder Ehe lebend, - was für ein verworrenes, verdorbenes, unmoralisches Leben! Er musste sie doch zutiefst verachten, wenn er das alles von ihr wusste. Aber -- wenn er das doch wusste, warum hatte er sie dann angesprochen? Warum sah er sie so an? So erwartungsvoll, sie respektierend, sie ganz und gar ernst nehmend als Mensch... ganz anders, als alle Menschen, denen sie bisher begegnet war.

Sie fasste Vertrauen. All das war jetzt nicht mehr wichtig. Eine Frage gab es, die brannte ihr auf dem Herzen. Sie würde ihm so gerne glauben, aber da war doch noch was, was sie trennte. Was diesen fundamentalen Glaubensunterschied zwischen Juden und Samaritanern ausmachte. Wie würde er antworten? Wie ein Jude, dogmatisch korrekt? Oder hatte er auch da als Gottesmann noch eine andere Sichtweise?

"Unsere Eltern haben Gott auf diesem Berg verehrt.

Doch ihr sagt, man muss Gott in Jerusalem verehren."

Er nickte ihr zu. Er verstand sie, ja, sie verstand auf einmal selber viel besser, worum es ihr die ganze Zeit gegangen war. Dieser Durst nach Leben, nach Liebe, nach Verständnis. Immer wieder enttäuscht, immer wieder neu gewagt und erneut verloren -- war es nicht die Suche und Frage nach dem, der das Leben gegeben hat, die Suche und Frage nach dem, was letzten Halt gibt, was diesen Durst nach Leben endlich und endgültig stillen kann?

Wie und wo finde ich Gott, kann ich wissen, dass ich Gott vertrauen kann -- trotz all des Unglücks, das mich ereilt hat? Wie und wo finde ich die Vergewisserung, dass Gott mich liebt, mich meint, mich in seiner Nähe -- nicht nur erträgt, sondern haben will? Lebendiges Wasser, ein Quelle, die fließt ohne Ende, die niemals mehr Durst leiden lässt...

Der Fremde sagt "Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem Gott anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn die Erlösung kommt durch das Judentum.

Aber es kommt die Stunde und ist schon jetzt, wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geisteskraft und Wahrheit anbeten werden. Denn Gott wünscht sich Menschen, die so beten. Gott ist Geisteskraft, und die Gott anbeten, müssen in Geisteskraft und Wahrheit anbeten."

Die Frau sagte ihm: "Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus genannt wird. Wenn jener kommt, wird er uns alles verkündigen."

Sie spürt: die konfessionellen Unterschiede treffen nicht den Kern der Sache, im tiefsten Grunde ihrer Sehnsucht sind die Menschen sich, bei allen Unterschieden in der Lehre über Gott, einig. Es wird der Eine kommen, der Retter, der Befreier, der Gesalbte: und dann werden alle Unterschiede aufgehoben sein, alles was bislang getrennt war, eins sein.

Noch einmal warf sie einen Blick auf den Fremden, so, als erwartete sie von ihm die Bestätigung: du hast recht geantwortet, du bist eine verständnisvolle Frau. Aber was sie dann von ihm hört, das raubt ihr den Atem.

Dieser Mensch sagt: "Ich bin es, ich, der mit dir redet."

Ich bin es. Ich bin der ich bin. Wer ist es, der so zu reden wagt? So, wie Gott selber geredet hat, als er sich dem Mose vorstellte: Ich bin der, der ich bin. Revolutionär, erschütternd -- und befreiend.

Die Frau vergisst all ihre Ängste und Verschlossenheit, ihr Mißtrauen gegen die anderen im Dorf: sie rennt hin und ruft sie zusammen und macht sie aufmerksam auf diesen Menschen: "Schaut euch das an, und dann sagt mir, ob er nicht der Messias ist, auf den wir schon so lange gewartet haben."

Sie, die so lange in sich verschlossen lebte, wird nun auf einmal zum sprudelnden Quell in ihrer Gemeinschaft, ihr ist das Herz aufgegangen, und nun strömt sie über vor Begeisterung: schaut her, seht ihn euch an, seht, was ich entdeckt habe. Und macht euch selber ein Bild von ihm. Sagt mir, was ihr von ihm haltet.

Gott auf der Suche nach Menschen, die sich ihm öffnen, die sich von seiner Geisteskraft anrühren und bewegen lassen. Sie ist eine davon, diese samaritische Frau, die ihrer Sehnsucht nach Leben, ihrem Durst nach dem, was ihr unerkanntes Verlangen stillt, Raum gegeben hat. Sie hat ihren eigenen Mangel erkannt und nach Abhilfe gesucht. Sie ist selber zum Krug geworden, den Gott mit überfließender Lebensfreude gefüllt hat.

Es ist kein Zeichen von Schwäche oder Minderwertigkeit, wenn wir unsere eigene Bedürftigkeit erkennen, wenn wir wissen, dass wir Gott nötig haben, und aus diesem Wissen heraus zu Gott beten. Wir haben die Zusage des Christus, dass Gott solche Beterinnen und Beter braucht und nicht leer ausgehen lässt.

Möge Gott uns zu Menschen machen, die in Geisteskraft und in Wahrheit zu ihm beten. Amen.